STRUWWELPETER

Junk Opera von Julian Crouch und Phelim McDermott

Deutsch von Andreas Marber

Musik von Martyn Jacques

Regie Markus Bothe

INHALT

Bizarrer könnte das Trüppchen von jugendlichen Rebellen nicht sein, das der Frankfurter Arzt Dr. Heinrich Hoffmann 1845 in seinem zur Legende gewordenen Bilderbuch „Der Struwwelpeter“ versammelte. Der böse Friederich, das zündelnde Paulinchen, oder Konrad, der Daumenlutscher – sie alle sind wie für die Bühne geschaffen, um uns mit ihren grotesken Geschichten von Auflehnung und Anarchie mächtig zum Gruseln zu bringen.

Oft ist „Der Struwwelpeter“ als Paradebeispiel sogenannter schwarzer Pädagogik gegeißelt worden. Aber ist Hoffmanns kleiner Horrorladen nicht auch Ausdruck der zum Albtraum geronnenen Ängste von Eltern? Oder Dokument überlebenswichtiger Unangepasstheit und Verweigerung, denen eine Gesellschaft gestern wie heute häufig bloß mit Strafandrohung und Abschreckung begegnet? Sind Diätcamps und Ritalin nicht ebenso bittere Arznei, wie die, die Hoffmanns böse Buben verabreicht bekamen? Und überhaupt: Haben wir nicht auch ein Anrecht darauf, einmal ein arger Wüterich, einmal „Hans guck in die Luft“ zu sein?

In der gefeierten Bühnenadaption von Phelim McDermott und Julian Crouch aus dem Jahre 1998, für die die Londoner Band „The Tiger Lillies“ Hoffmanns Texte kongenial vertonte, führt der Struwwelpeter einen bitter-komischen Reigen zwischen Vaudeville, Gruselkabinett und Punk-Musical an. Anleihen bei Kurt Weill und Tom Waits sind bei den „Tiger Lillies“ um Martyn Jacques kein Zufall, genauso wenig wie tiefschwarzer englischer Humor. Mal böse provozierend, mal melancholisch und sehnsüchtig verführt diese grell-verzaubernde „Junk Opera“ in die Abgründe der Seele zwischen Auflehnung und Gehorsam, Traum und Wirklichkeit. Und so wird aus dem berühmten, oft parodierten und ebenso viel gescholtenen Kinderbuch ein Ausflug auf die dunkle Seite der Seele, jenseits von Vernunft und Folgsamkeit, die in uns allen steckt.

Markus Bothe, geboren 1970, ist ein Spezialist für das fantasievolle Erzählen von großen romantischen Stoffen. Die Inszenierung seines Stückes „Roter Ritter Parzival“ am Schauspiel Frankfurt wurde 2010 mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Der in Basel lebende Regisseur arbeitete u. a. am Schauspielhaus Frankfurt, an der Deutschen Oper Berlin und am Schauspielhaus Hamburg.

MEDIEN

PRESSESTIMMEN

„Regisseur Markus Bothe hat das Schauermusical für Graz in eine skurrile Jahrmarktsituation verwandelt. Seine Protagonisten stammen allesamt aus dem Gruselkabinett, grell überschminkt und in herrlich schrillen Kostümen (Justina Klimczyk). Bothe und sein Bühnenbildner Robert Schweer zaubern sie mit angestaubtem Variete-Pomp nach und nach aus der Holzkiste. […] Rund um die herrlich anarchische Sarah Sophia Meyer als ‚Struwwelpeter‘ liefern Henriette Blumenau, Pascal Goffin, Julia Gräfner und Benedikt Greiner einen famos wirbelnden Reigen, der die Ge- und Verbote, die Forderungen und das Versagen ordentlich durcheinandermischt.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 4. April 2016)

„Ausgelassenes, pointenreiches Bildertheater entsteht mithilfe des fünfköpfigen Ensembles […] kongenial unterstützt von den Bühnenmusikern Henning Nierstenhöfer und Matthias Trippner, die den Punk-Vaudeville-Score des Stücks mit räudiger Lässigkeit herunterkurbeln. […] Man amüsiert sich bei diesem eineinhalbstündigen Plädoyer zur Unangepasstheit.“ (Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, 4. April 2016)

„Rasant, schräg und mit gekonnten Gesangseinlagen wurden hier die bekannten Geschichten erzählt, das Schaurige – das alles nicht erfunden werden musste – betont und im Slapstick-Stil auf die Bühne gebracht. […] Aus einer kleinen Holzkiste entsteigen immer wieder die Protagonisten, die ganze Bühne (Robert Schweer) ist das Innere einer großen Holzkiste […] Dazu kommen die bunten, fantasievollen Kostüme (Justina Klimczyk), die die Zeichnungen aus dem Buch aufgreifen und weiterentwickeln. […] Sarah Sophia Meyer ist ein exaltierter, boshafter Struwwelpeter. […] Ein akrobatisches Meisterstück zeigt Benedikt Greiner als Zappelphilipp, der ebenso wie Henriette Blumenau, Pascal […] und Julia Gräfner in verschiedene Rollen schlüpft und immer neue Facetten von Horrorfiguren im biederen Gewand zeigt.“ (Karin Zehetleitner, APA, 3. April 2016)

„Regisseur Markus Bothe hat nun diesen ‚Struwwelpeter‘ in Graz als Jahrmarktsattraktion inszeniert. […] Fünf Schauspieler [genügen], um in wechselnden Rollen dem Personal des blutrünstigen Dr. Hoffmann Leben einzuhauchen. Im Zentrum: Sarah Sophia Meyer als Struwwelpeter. […] Geboten werden, wie schon zu Hoffmanns Zeiten, moralisierende Geschichten – nur sind hier natürlich die Erwachsenen die Angezählten: Witzfiguren, die vor lauter Förderwahn und Helikopterverhalten die Bedürfnisse ihrer Kinder übersehen. […] Erziehung, so lautet das Fazit dieser bunten, überkandidelten, pointenreichen Inszenierung, ist ein Geschäft, das sowieso immer nur Verlierer produziert. Helfen kann da höchstens Unangepasstheit – und das wird nach knappen anderthalb Stunden mit einem schön anarchischen Schlussgag illustriert.“ (Ute Baumhackl, Kleine Zeitung Nachtkritik, 4. April 2016)