Werther


von Johann Wolfgang von Goethe

1774 erschien vom jungen Johann Wolfgang Goethe ein Briefroman, der seine erfolgreichste Veröffentlichung bleiben sollte. Die Leiden des jungen Werthers wurde zum Schlüsseltext für Generationen junger Leute auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Der literarische Prototyp einer Gebärde des Protests und der Selbstdarstellung schlechthin. „… ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt!“ Der junge Werther flieht vor dem Leben in der Stadt in die Einsamkeit und versucht in Briefen an seinen Freund Wilhelm, die Erfahrungen seiner überwältigenden inneren Bewegungen mitzuteilen. Statt sich an die bürgerlichen Verhältnisse anzupassen, gibt er sich schwärmerischen Gefühlen hin. Der Gedanke, mit einer Welt in Berührung zu kommen, die mit Einschränkungen seiner persönlichen Bedürfnisse in Verbindung steht, ist ihm fremd. Auf einem Ball lernt er Lotte, die Tochter eines Amtmanns, kennen und verliebt sich leidenschaftlich in sie, obwohl sie schon vergeben ist. Die Liebe, erst als besinnungsloser Glückstaumel empfunden, wird ihm zur Quelle des Unglücks. Ist das Maß seines Leidens überschritten, so schreibt er, verwandelt sich das Leid in eine „Krankheit zum Tode“.




Pressestimmen:

„Mit ihrer Einladungspolitik ist Schauspielhaus Graz Intendantin Anna Badora schon öfter gut gefahren; das gilt auch für die Verpflichtung von Regisseur Bastian Kraft, der nun Goethes wirkmächtigen Briefroman Die Leiden des jungen Werthers für die Probebühne adaptierte. Kraft, dessen Dramatisierung von Helene Hegemanns Roman Axolotls Roadkill 2010 in Hamburg viel Beachtung erfuhr, säbelt aus der Geschichte von Werthers sentimentalem, sozialem und beruflichem Scheitern das Filetstück heraus und erzählt die Geschichte einer unglücklichen Liebe in kurzen, eindrücklichen, repetitiven Clips. Klares und transluzentes Glas wird dabei zur Folie für Werthers Isolation, per Videoprojektion wird der doch eher undramatische Akt des Briefeschreibens bühnenwirksam übersetzt. Getragen wir der Abend von Leon Ullrich, der dem Werther als sehr gegenwärtigen Liebenden herzzerreißende Lebendigkeit verleiht.“
(Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, 22. Jänner 2011)

„Goethes Briefromen Die Leiden des jungen Werther hat nach seinem Erscheinen 1774 eine ganze Generation in eine emotionale Ausnahmesituation versetzt. Für die Probebühne am Schauspielhaus Graz hat nun Regisseur Bastian Kraft eine tief berührende, beklemmend dichte Fassung des Stoffs erarbeitet. Unerfüllte Liebe, das Ablehnen der Konvention und Selbstzerstörung sind die Komponenten, die den Roman zum Bestseller machten. Heute ist der Text ein wenig in die Ferne gerückt, doch Bastian Kraft gelingt es, ihn wieder ganz nah heranzuholen. Er erzählt die Geschichte als Rückblende. Mit Projektionen führt er Werther ein, zeigt ihn begeisterungsfähig und hoffnungsfroh, in der Liebe zu Lotte seine Erfüllung zu finden. Die ist zwar Albert versprochen, genießt aber die auf Konventionen pfeifende Verehrung Werthers. In ihre Welt lässt sie ihn dennoch nicht; eine Glaswand, auf der nur Schemen der Gemeinsamkeit gezeichnet werden, trennt ihr Leben von seinem. Ausstatter Peter Baur erzeugt da mit wenigen Mitteln eine große Klarheit. Bastian Kraft stehen für seine subtile Sektion drei hervorragende Darsteller zur Verfügung: Leon Ullrich verliert keine Sekunde an Glaubwürdigkeit und Intensität – von der himmelhochjauchzenden Verliebtheit bis hin zur tiefen Resignation vor dem Suizid. Evi Kehrstephan als liebenswerte, die Konvention nie in Frage stellende Lotte und Gustav Koenigs als zurückhaltender, etwas steifer Albert sind ihm faszinierende Partner. Alle drei machen die kluge, dynamische Produktion zum Erlebnis. Nicht versäumen!“
(Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 23. Jänner 2011)

„Regisseur Bastian Kraft zeigte eine intensive, gelungene Auseinandersetzung mit der schwierigen Dreiecksgeschichte, die beim Publikum sehr gut ankam. Die Darsteller schufen stimmige Figuren, ohne allzu sehr im Gefühlsüberschwang zu baden. ‚Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt’: Mit dieser höchst komplizierten Innenwelt des jungen Werthers setzte sich Goethe in seinem erfolgreichen Briefroman auseinander. Das Werk heute auf eine Bühne zu bringen und nicht einfach nur die Geschichte nachzuerzählen, ist nicht ganz einfach. Doch Kraft fand moderne Ausdrucksformen – Kamera, Projektionen, Musikeinspielungen – um die Verzweiflung und die überschäumenden Gefühle des unglücklich Verliebten transparent zu machen, ohne am Text störenden Änderungen vorzunehmen. Eine Glaswand steht im Zentrum der Bühne, einerseits Projektionsfläche für Werthers Texte, andererseits trennt sie ihn und Charlotte sichtbar. Sehr schöne Bilder gelingen in dieser Aufführung, wenn die beiden trotz räumlicher Trennung miteinander tanzen oder sich verzweifelt zu berühren versuchen. Leon Ullrich ist ein sehr intensiver Werther, überglücklich und tieftraurig fast in einem Atemzug, ohne je an Überzeugungskraft zu verlieren. Als Charlotte besticht Evi Kehrstephan durch eine ruhige, innige Ausstrahlung, hinter der manchmal die Hingezogenheit zu Werther aufblitzt. Besonders gelungen auch die Ausstattung von Peter Baur, in denen ebenfalls eine schöne Balance zwischen angedeutetem 19. Jahrhundert und heute gefunden wird.“
(Karin Zehetleitner, APA, 22. Jänner 2011)

„Werther – Bastian Kraft erzählt auf der Probebühne Goethes Briefromen poesievoll und zeitlos! Mit einem Fingerschnipsen kann Werther Szenen, die ihm wichtig sind, wiederholen. Sie für sich noch einmal herbeizaubern. Das Erlebte gleichsam repetieren. Da verwandelt sich der vermeintliche Spiegel – neben einem Schreibtisch einziges Dekorationsstück dieser Aufführung – in eine durchsichtige Scheibe. Hinter dem Glas Lotte, die unerreichbare Angebetete. Wenn die beiden aufeinander zugehen, die Hände an den Spiegel legen, sind das von ihrer Seite zurückhaltende Gesten von Sympathie. Und immer ist das Glas dazwischen. Eine karge Inszenierung von Bastian Kraft? Ganz im Gegenteil. Das Spiegel-Offert von Peter Baur bietet viele poetische Möglichkeiten – der Poesie arbeitet man mit ausgefeilter Technik zu. Albert ist logischerweise auch Spieler hinter dem Spiegelglas, ist drinnen, darf als Verlobter Lotte nahe sein. Draußen lebt Werther die Berg- und Talbahn seines stürmisch-drängerischen Überschwangs. Leon Ullrich braucht und nutzt viel Auslauf, Liebesfreud und Liebesleid setzt er in Wegstrecke um vor dem großen Spiegel, der auch Schreibfläche ist. Dichte anderthalb Stunden; eine heutige Aufführung, die nicht modernistisch sein will, mit einer Musik, die illustrativ-dezent bleibt. Nichts da mit den klassischen Werther Farben (blauer Frack, gelbe Weste), sondern dezentes Schwarz-Weiß in Kostümschnitten der Zeit.“
(Reinhard Kriechbaum, Nachtkritik, 22. Jänner 2011)

„Bastian Kraft holt in Graz Freud und Leid von Goethes Werther mitreißend und kitschfrei auf die Bühne. Seit Freitag schreibt Werther vor Publikum auf der Probebühne unter dem Dach des Schauspielhauses. Die Hand und das Blatt, auf dem er schreibt, werden auf eine große Glaswand vor ihm auf die Bühne projiziert. So wird jeder Zuseher zu Wilhelm, der, obwohl er den schön geschwungenen Sätzen in Echtzeit bei ihrer Entstehung zusieht, machtlos verfolgen muss, wie das ‚süße Gefühl von Freiheit’ in Herz und Hirn des Freundes zur Krankheit wird. Zuerst da die Liebe auf den ersten Blick, die den jungen Mann, der noch nicht weiß, was er vom Leben will, aber umso erfüllter von Beobachtungen, Gedanken und Sehnsüchten ist, trifft wie aus heiterem Himmel. Tatsächlich bricht draußen ein Gewitter los, als er das erste Mal mit seiner Lotte (neu in Graz: Evi Kehrstephan) tanzt uns es – wohl alle beide mehr und weniger – erwischt. Ihn mehr. Und diese Ungleichheit der Gefühle – Lotte mag ihn von Herzen, er sie aber mit jeder Faser – steht von Anfang an zwischen den beiden. Regisseur Bastian Kraft materialisiert dieses Hindernis als Glaswand, auf der auch die Briefe erscheinen. Selbst wenn sie sich beim Tanz ganz nah sind oder gemeinsam im Gras liegen, trennt die Scheibe die 19-Jährige und ihren Verehrer wie einen Häftling und seinen Besuch. Für seine Dramatisierung des Briefromans wählt Kraft keine abgeschmackten Patentrezepte. Er verzichtete auf Kitsch und entwirft mitreißende, poetische Bilder. Letztere werden mit Musik von Goldfrapp über Angelo Badalamenti und Air bis Moby unterlegt. Leon Ullrichs Spiel ist, nach seinem absolut standfesten Horatio in Hamlet, wieder eine Freude. Egal, ob seinem Werther vor Liebe das Herz springt oder er mit wahnsinnigem Glanz in den Augen versucht, sein Elend wegzureden.“
(Colette M. Schmidt, Der Standard, 26. Jänner 2011)

 


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Schauspielhaus Graz: Trailer zu WERTHER