faust hat hunger und verschluckt sich an einer gretevon Ewald Palmetshofer


von Ewald Palmetshofer

„Bring what you eat“ – ist das Motto für nachbarschaftliche Balkonpartys, die die Paare Ines/Paul, Tanja/Robert und Anne/Fritz feiern. Auch ER und SIE stoßen dazu, werden großzügig integriert und noch viel mehr: Die versammelte Runde zwingt sie ein bisschen zum gemeinsamen Glück. Denn dezenter Glücksaktivismus ist durchaus angebracht in diesen Zeiten und kann gelingen – wenn man den Rest der Welt kurz ausblendet und solange man den Fernseher nicht anmacht. Das Nachspiel vor dem Fernseher ist ein Bericht über Kindsmord – und hoppla: Heißen SIE und ER gar Heinrich und Grete? Mitessen und mitgegessen werden, oder was hält unsere heutige Welt im Innersten zusammen?

faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete befragt, ausgehend von Motiven aus Goethes Klassiker, unsere gänzlich kapitalisierte Welt, in der das Glück, der schöne Augenblick, nur auf Kosten der globalen Mehrheit verweilt“, sagt Ewald Palmetshofer, die prägendste Stimme unter den jungen österreichischen Autoren und philosophisch-kritischer Befrager seiner Generation. „Ein ganz und gar eigenwilliger Sprachspieler, der nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Logos und Logistik bewegt, um dem Alltäglichen beizukommen. Selbstverständlich geht es ihm dabei um Leben und Tod.“ (Christine Dössel, Jurybegründung für den Dramatikerpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie).




Pressestimmen:

„Intensiver Abend auf der Probebühne mit Palmetshofers ‚Faust’. […] Autor Ewald Palmetshofer handelt in seinem 2009 im Wiener Schauspielhaus uraufgeführten Drama faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete mit sprachlicher Genauigkeit und Schärfe verschiedene Themen ab, führt seine perfekt ausbalancierten Wortkaskaden aber immer zu den menschlichen Unzulänglichkeiten zurück. […] Das Ensemble zeigt in der behutsamen, aber gekonnten Führung von Regisseurin Anna-Sophie Mahler eine schöne Gesamtleistung: Verena Lercher ist eine Frau, deren Körperhaltung schon ihren unnachgiebigen Geist verrät, Katharina Klar ist der erfolgsgewohnte Karrieretyp und Pia Luise Händler überzeugt als junge Mutter, die alles immer wieder infrage stellt, ohne Antworten zu bekommen. Ihnen zur Seite stehen Leon Ullrich, Florian Köhler und Thomas Frank, alle ungemein präzise und von durchdringender Klarheit.“
(Karin Zehetleitner, APA, 1. Mai 2011)

„Sprachgewaltig: Ewald Palmetshofers ‚Faust’-Remake begeisterte auf der Probebühne. […] faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete des Oberösterreichers Ewald Palmetshofer ist ein satzmäanderndes, sprachlich scharf geschossenen Frage-Antwort-Spiel, das an Faust-Motive vor dem Hintergrund des Kapitalismus anknüpft und Sätze wie ‚Du bist noch nicht angekommen in der Zeitgenossenschaft’ oder ‚Verweile doch, du Reh’ abfeuert. An der Gretchenfrage ‚Wie hältst du’s mit …?’ wird vorbeigeredet. Regisseurin Anna-Sophie Mahler hebt den klugen, wortgewaltigen Text mit einem großartigen Ensemble behutsam auf die Probebühne. […] Viel Beifall.“
(Julia Schafferhofer, Kleine Zeitung, 2. Mai 2011)

„Die Kritik, die Palmetshofer in seinem Text formuliert, ist durchaus heutig und setzt sich mit Gruppenzwang ebenso auseinander, wie mit dem verordneten Glücksgefühl und dem krampfhaften Verweilen an der Oberfläche. Dafür bedient er sich diverser Schlagwörter aus Goethes Faust, stellt die Frage ‚Wie hast du’s?’, untersucht den ‚Kern’, betrachtet die ‚zwei Seelen’ … Anna-Sophie Mahler setzt auf ihre Darsteller, die sie gleichsam mitten im Publikum spielen läst. […] Ein dichter, spannender Abend.“
(Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 2. Mai 2011)

„Faust (Florian Köhler) in Ewald Palmetshofers Stück ist ein stiller Mann hinter einem Laptop, mit dem er auf einer Spießer-Party im Zinshaus für Musik sorgt. Inmitten von Pärchenscheiße und Dialogen, die, wenn es ernst wird, nur beiseitegedacht und dem Gegenüber nicht ins Gesicht gesagt werden, sinniert Faust/Fritz über Glück, Liebe und den von Goethe untersuchten Kern des Menschen. Seine Monologe türmen sich am Rande der Party auf. Florian Köhler erfüllt jeden Satz des Mannes, der lieber in Katastrophengebieten Latrinen aushebt, als die Nachbarn zu ertragen, mit Leben, arbeitet genau am Text. Auch Leon Ullrich und Thomas Frank bekommen in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler Platz zum Kantenschärfen. Die Rollen wandern reihum, sechst Schauspieler behaupten, sie seien zu acht. Wenn sich die Pärchen unterhalten, reißen deren Sätze oft ab, als rinne diesen der Sinn aus, bevor sie fertig sind. Von den drei Frauen beeindruckt Pia Luis Händler: Als gestresste Mutter, die ihr Babyphon wie einen Mühlstein um den Hals trägt, und als Anne/Grete, die sich selbst als ‚Proletenfotze’ denkt.“
(Colette M. Schmidt, Der Standard, 2. Mai 2011)

„Anna-Sophie Mahler lässt in Graz lustvoll mit Ewald Palmetshofers Stück spielen. […] Ewald Palmetshofer liefert als Autor dramaturgisch dankbares, sprachspielerisch zurechtgeschliffenes Material. Darauf setzt und damit spielt auf der Probebühne Anna-Sophie Mahler. Sie, die gerne und liebevoll auf Figuren und Paar zoomt, richtet diesmal wirklich kleine Scheinwerfer auf sie: Eine Jede und einen Jeden lässt sie in die Rolle von ‚Ihr’ und ‚Ihm’ schlüpfen, wirklich ‚Sie’ und ‚Er’ sein. Und das ist gut so, weil ja alle sechs Normalmenschen ein wenig was fühlen von und mit den beiden – und sei’s auch nur ein bisserl Neid. Dann wird also der Spot hingedreht auf die Figur, die gerade etwas sagt, was gelegentlich in Rhythmus oder Wort-Versatzstücken tatsächlich nach Faust und Grete klingt. Die Regisseurin malt lustvoll und lädt ein, optionale Tiefen und vorhandene Untiefen dieses Stücks zu ertauchen. Von den drei Paaren erfahren wir in der Party-Situation um einiges mehr, als im Text steht, weil sich Mahler körpersprachliche Kleinszenen ausdenkt. Das Ensemble umzingelt den rauchenden Griller, turtelt, streitet, spielt Party-Theater – und ist so stinknormal wie nur. Mit solchen Figuren lässt sich kein Staat, bestenfalls Theater machen. Da wird Anna-Sophie Mahlers Inszenierung vieles deutlicher als in Palmetshofers Vorlage.“
(Reinhard Kriechbaum, Nachtkritik, 1. Mai 2011)

„Wenn Faust bei Palmetshofer auf Besuch ist, sind Heinrich und Grete von Anfang an vereint im Verneinen, zwei irgendwie links positionierte, irgendwo sozial engagierte Stadt- oder Exlandmenschen, die sich vor einer spießigen Balkonparty in eine brüchige Zweisamkeit flüchten. Die Partygesellschaft möchte, wenn sie die beiden Singles aufeinander loslässt, nunr das Bestem ein trauriges Ende ist also fix. Das erinnert am Schauspielhaus Graz in seiner Dynamik an Wolfgang Bauer Gespenster, während die Sprache, so wie sie sich in die schiefen Bilder hineinstürzt, ihre schwabische Prägung nicht verleugnen kann. Palmetshofer hat diese zwei Elemente – das dynamische Gruppenpsychodrama und die sprachmächtig-manieristische Seelenmetzgerei – in seinem Stück sauber getrennt. Die Regie von Anna-Sophie Mahler unterstreicht dies durch von Schauspielern bediente Handscheinwerfer, die die inneren Monologe von der halbdramatischen Rekonstruktion der Geschehnisse abheben. Mit Rollenwechseln und gelungener Dialogführung schweißt Mahler die ausgesuchten Darstelle zu einem konzentrierten Ensemble zusammen, das Theater zeigt […]: einfach, aber einfallsreich, trashig und doch nobel in seiner Zurückhaltung.“
(Hermann Götz, Falter Steiermark, 4. Mai 2011)

 


Youtube Videos:


SCHAUSPIELHAUS GRAZ: Trailer zu faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete