Nora oder Ein Puppenhaus


Familie Helmer geht es gut: Demnächst wird Thorvald zum Bankdirektor befördert, seine zauberhafte Frau und er haben drei gesunde Kinder – man ist in der Guten Gesellschaft angekommen! Doch das Glück ist bedroht: Vor Jahren fälschte Nora bei Rechtsanwalt Krogstad eine Unterschrift, und finanzierte ihrem schwerkranken Gatten damit eine Kur, die wahrscheinlich sein Leben rettete. Thorvald hat es nie erfahren und will nun ausgerechnet seinen Angestellten Krogstad entlassen. Dieser wird zum rücksichtslosen Erpresser: Nora soll ihren Gatten umstimmen! Der Druck auf Nora steigt, als ausgerechnet Kristine Linde, Noras alte Bekannte, die dringend nach Arbeit sucht, die neue Stelle Krogstads besetzen soll. Aller widrigen Umstände zum Trotz finden die beiden Gestrandeten Linde und Krogstad darüber ihr gemeinsames persönliches Glück – Während in der Beziehung der Eheleute Helmer Arbeit, Erfolg und Wohlstand längst den Platz von einstiger Liebe eingenommen haben. Und als die Bombe mit der Unterschriften-Fälschung platzt, sieht Helmer seine Reputation gefährdet und beschimpft Nora aufs Übelste - das Maß ist voll ...
 

In Nora dreht sich alles um das Glücksversprechen Geld. Als kritische Beschreibung von Liebe als reiner Tauschwertbeziehung hat Nora bis heute nicht an Sprengkraft verloren. Ibsen zeichnet ein Bild menschlicher Beziehungen, die von Status, Macht und Besitzdenken bestimmt sind, und Geld ist der Kitt, der zur Not auch unerträgliche Beziehungen zusammenhält.

Wojtek Klemm, geboren 1972 in Warschau, gehört zu einer neuen kritischen Regiegeneration Polens und wird als solcher auf internationalen Festivals wie dem Dialog-Festival Breslau oder dem Boska Komedia-Festival Krakau gefeiert. 2007 – 2009 war er künstlerischer Leiter des profilierten Teatr Norwida in Jelena Góra. Seit seines Regiestudiums an der Berliner Hochschule Ernst Busch lebt und arbeitet er aber immer wieder im deutschsprachigen Raum, wie z.B. an der Volksbühne Berlin, am Deutschen Theater Göttingen und 2000/2001 auch bereits am Schauspielhaus Graz.


ZUGABE zu Nora oder Ein Puppenhaus, mit MMag.a Dr.in Gabriele Michalitsch

In kompakten Vorträgen geben ExpertInnen vor ausgewählten Vorstellungen Einführungen der besonderen Art. In der sechsten Folge von ZUGABE beleuchtet die bekannte Politologin und Ökonomin Gabriele Michalitsch (zuletzt Gastprofessorin in Istanbul, Budapest und Graz) das Verhältnis von Liebe und Kapital angesichts der neoliberalen Domestizierung des Subjekts.

Im Anschluss an die Vorstellung laden wir Sie zu einem Gespräch mit MMag.a Dr.in Gabriele Michalitsch und den KünstlerInnen ein. Karten für die Vorstellung müssen separat erworben werden.

Am Samstag, 14. April, 18.45 Uhr, Foyer im 3. Rang. Eintritt frei!

 


 




Pressestimmen:

„Der deutsch-polnische Regisseur Wojtek Klemm erzählt uns keine Emanzipationsgeschichte. Er liest Ibsen Text in Richtung Neoliberalismus. Da wird nicht mit dem Herzen gefackelt, sondern gegeben und genommen auf klare Gegenrechnung. Liebe ist nicht das Thema, keiner erwartet sie, es ist ein sinnentleertes Wort. […] Besonders eindrucksvoll, wenn Gerhard Liebmann als Krogstad aus Heiner Müllers ‚Der Auftrag’ rezitiert. Dieser Nils Krogstaad kommt zuerst als Schachtel mit Beinen auf die Bühne, und er wird dieser seiner Schachtel-Existenz im Lauf des Abends kaum entrinnen.“
(Reinhard Kriechbaum, Nachtkritik, 17. Februar 2012)

„Frech gebrochen, stimmig durchkomponiert und –choreographiert: Der Warschauer Regisseur Wojtek Klemm dekonstruiert Henrik Ibsen Drama Nora oder Ein Puppenhaus. […] Klemm hat für seine freche, aber nie repsektlose Lesart zwei echte Trümpfe in der Hand: Zum einen komponiert er die Szenen (k)einer Ehe hochmusikalisch. Und zum anderen sorgt auch ein eigener Choreograph (Maciej Prusak) für einen teils komischen, teils bizzaren Fluss in dieser Lebenssuite in Moll, geleitet auch von dunklen Ostinati, Elektronikzirpen oder vokalem Avantpop (Dominik Strycharski). […] Verena Lercher spielt feinsinnig Noras Freundin Kristine, die ewig Suchende. Überragend (nicht nur) unter den Nebenrollen Gerhard Liebmann: Er gibt Nils Krogstad, den Kreditgeber mit der unweißen Weste, der Nora erpresst, als einen Klon aus Duckmäuser und Hannibal Lecter.“
(Michael Tschida, Kleine Zeitung, 18. Februar 2012)

„Von Henrik Ibsen stammt in Wojtek Klemms Nora-Inszenierung für das Schauspielhaus Graz das Grundgerüst, um das der junge polnische Regisseur und sein Stamm-Team einen spannenden Theaterabend bauen. Mit viel Körpereinsatz spielt hier ein perfekt disponiertes Ensemble eine höchst aktuelle Geschichte. […] Evi Kehrstephan ist eine moderne Nora, ein Material Girl, das nach und nach erkennen muss, dass unter dem schönen Schein nichts zu finden ist. Schon gar keine Liebe, für ihren Mann ist Nora nur ein hübsches Prestige-Objekt. So oberflächlich sie am Anfang wirkt, so überzeugend ist die Klarheit, mit der sie die Sache zu Ende bringt. […] Verena Lercher als Kristine und Claudius Körber als Doktor Rank vervollkommnen das toll aufspielende Ensemble. Wojtek Klemm beschert dem Grazer Publikum einen überaus spannenden Abend – gefällig ist er zum Glück keine Sekunde lang.“
(Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 18. Februar 2012)

„Es ist beeindruckend, wie Evi Kehrstephan in ihrer ersten großen Rolle am Haus diese Frau verkörpert: Das Textkorsett hält Nora noch zurück, der Körper ist schon unter Druck wie ein Kelomat. Regisseur Wojtek Klemm, der auf deutschen wie polnischen Bühnen reüssiert, zieht mit viel Körperarbeit eine zweite Ebene in das Stück. Auf ihr wird das Innenleben der Figuren durch mechanische, präzise Wiederholungen von Gesten und Sätzen seziert.“
(Colette M. Schmidt, Der Standard, 18. Februar 2012)

„In Graz sieht man eine resolute Nora, die von Anfang an weiß, in welchen Konventionen sie gefangen ist. Dieser Nora macht man nichts vor. Sie braucht Geld? In einem seltsamen erotischen Spiel zieht sie es mit dem Mund aus dem Mund des Gatten. Sie spielt aber nur das Vögelchen, dem dieser Helmer (Simon Zagermann) infantiles Balzen mit Tierlauten abverlangt. Wenn sie ihn anfaucht, wie eine wilde Katze, ist dieser Hausherr das Lercherl, er mag ihr noch so roh die Zigarre aus der Hand schnippen in seinem Kontrollwahn. Er ist ein armes Männchen, wenn er schließlich aus Angst über den möglichen Skandal die Gattin wüst beschimpft, im Stich lässt, dadurch verliert.“
(Norbert Mayer, Die Presse, 20. Februar 2012)

„In der aktuellen ausdrucksstarken Grazer Inszenierung wird einem bewusst, warum Nora ihren Mann und ihre Kinder verlässt. Ihre Umwelt gleicht der unseren gespenstisch und ist aus sich heraus nicht mehr zu erneuern. Jeder kämpf hier um Geld, Karriere und gesellschaftlichen Status. Der Sozialismus ist längst zum Slogan ‚Steh auf, Prolet – und lass mich setzen’ verkommen; die Politik zum frechen Raub am Staatshaushalt; die Freundschaft zur Anbiederung; Ehe und Familie zu Zweckgemeinschaften; Kinder werden hin-, her- und abgeschoben; Gefühle dem allgemeinen Leistungsdruck geopfert.“
(Franz Zoglauer, Die Furche, 23. Februar 2012)

„Die Grazer Nora lässt nicht nur über eine kaputte, verlogene Bürgerlichkeit nachdenken, auch über die Dominanz von Statussymbolen, Karrieredenken, über Neo-Biedermeier und fehlgeleiteten Lebensträume, Selbst- und Fremdtäuschungen. Gewänder werden noch einige vertauscht, ehe Nora ihren als Superheld verkleideten Superspießer anherrscht: ‚Du kannst mir nichts mehr verbieten, Torvald!’“
(Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 18. Februar 2012)