Der goldene Drache


Fünf Asiaten in der winzigen Küche des Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants DER GOLDENE DRACHE. Der jüngste unter ihnen schreit panisch. Eine Arbeitsgenehmigung hat er nicht, aber einen hohlen Zahn; der schmerzt und muss gezogen werden. Mit einer Zange brechen ihn seine
Freunde aus dem Mund. Der Zahn fliegt durch die Luft und landet in der Suppenschüssel Nummer 6, Thai-Suppe mit Hühnerfleisch und Kokosmilch. Doch die Zahnlücke hört nicht auf zu bluten. Am Tisch im Restaurant sitzen zwei Flugbegleiterinnen. Sie kommen von Santiago de Chile. Auf der Höhe der Küste Senegals haben sie aus dem Flugzeugfenster ein Boot gesehen, voll mit Leuten. Nun finden sie einen Schneidezahn auf dem Boden der Schüssel. Im selben Haus sitzt ein Mann im gestreiften Hemd in der Küche seiner Vierzimmerwohnung und wünscht sich, er hätte seine Frau nie kennengelernt. Hans besitzt einen Lebensmittelladen und hat sich gerade etwas zu essen geholt, Gericht 103, extra scharf. Er hat ein lukratives Nebengeschäft und präsentiert seine gut unter Verschluss gehaltene Sexsklavin dem Freund im gestreiften Hemd. Aus der Zahnlücke des sterbenden Jungen rufen winzig Mutter, Vater, Onkel und Tante: Ist er gut angekommen? Hat er seine Schwester gefunden?

Roland Schimmelpfennig gehört zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern. Mit Der goldene Drache hat er ein modernes Märchen über unsere Welt ohne Grenzen geschaffen. Ein Panoptikum von Lebenslinien, die sich kreuzen, gespielt von Frauen und Männern als Männer und Frauen, Grillen und Ameisen.




Pressestimmen:

„Ständiger Rollentausch, präziser Körpereinsatz und schnelles Tempo kennzeichnen die Aufführung von Roland Schimmelpfennigs Der Goldene Drache in Graz. Pia Luise Händler, Evi Kehrstephan, Florian Köhler, Rahul Chakraborty und Patrick Seletzky wechseln blitzschnell ihre Rollen und ihre Geschichten, unterstützen einander in ihrem präzisen Spiel aber perfekt. Ein Abend, an dem über eine märchenartige Geschichte und einige Komik sehr ernste Themen eindringlich dargestellt werden.“
(Karin Zehetleitner, APA, 30. September 2011)

„Ein junger Chinese stirbt in der Küche eines Restaurants an einem faulen Zahn, eine Frau verlässt vier Stockwerke höher ihren trinkenden Mann, vor der Küste Senegals kreuzt ein Boot mit Flüchtlingen, eine Grille wird von Ameisen vergewaltigt und zwei Stewardessen haben sich nach einem Langstreckenflug nichts mehr zu sagen. Schwindlig könnte es einem werden bei den 18 Fäden, die aus den Weiten der globalisierten Welt kommend, in einem sogenannten ‚Thai-China-Vietnam-Schnell-Restaurant’ zusammenlaufen. Roland Schimmelpfennigs Der Goldene Drache ist reich an Geschichten, die virtuos miteinander verknüpft wurden. Nun zauberte Sarantos Zervoulakos mit nichts als einer weißen Suppenschüssel, die viel größer als ein Whirlpool ist, und fünf ausnahmslos konzentriert und feinfühlig agierenden Schauspielern damit einen Theaterabend auf die Probebühne des Grazer Schauspielhauses, der gleichzeitig witzig und berührend ist. Einen Abend, über den es – und das gibt es nicht oft – einfach nichts Negatives zu sagen gibt. Außer vielleicht, dass die gute Stunde viel zu schnell vorüber ist. Das rauschende Tempo, das das Ensemble vorgibt, lässt trotzdem keinen von ihnen auch auf die Kollegen vergessen. Jede Geste, jeder Blick, jedes Lächeln, jede kleine Schwankung in der Stimme und im Akzent sind aufeinander abgestimmt. Unmissverständlich werden Wechsel in eine neue Person und Lebensgeschichte angezeigt. Dabei rollen, drehen und schwenken die fünf Schauspieler die schwere Schale durch den ansonsten leeren Raum und schaffen so etwa ein Flugzeug, einen Ameisenbau oder eben eine kleine Küche. […] Das Grazer Publikum dankte dem Regisseur seine erste Arbeit an der Mur mit heftigem Applaus.“
(Colette M. Schmidt, Der Standard, 3. Oktober 2011)

„Die Namen versprachen einen interessanten, originellen Theaterabend: Der Göttinger Roland Schimmelpfennig zählt zu den gefragtesten Gegenwartsdramatikern, der in Griechenland geborene Regisseur Sarantos Zervoulakos darf am 14. November auf einen Nestroy-Preis als bester Nachwuchs hoffen. Versprechen gehalten. Wobei es bei Der Goldene Drache eines bestens aufeinander eingespielten Ensembles bedarf. Das Quintett funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. […] Tosender Applaus für einen nicht bloß absurden Abend.“
(Christian Ude, Kleine Zeitung, 1. Oktober 2011)

„Schimmelpfennigs Stück braucht kein spektakuläres Bühnenbild, um seine Kraft zu entfalten. Und so setzt auch Regisseur Sarantos Zervoulakos auf genaue Charakterisierung und starke Dialoge. Scheinbar mühelos wechseln die Akteure die Rollen und Geschlechter. 18 Persönlichkeiten, die alle miteinander verbunden sind, lernen wir an diesem Abend kennen, manche sind nett, andere verzweifelt, einige wenige einfach nur unsympathisch. Gezeichnet sind sie akribisch und mit viel Einfühlungsvermögen. Ein kurzweiliger und oft auch berührender Theaterabend, der beweist, dass das Stück auch ohne die vielfach prämierte Inszenierung des Autors sehenswert ist.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 1. Oktober 2011)