Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl (UA)


„Ich möchte lieber nicht“, sagt Bartleby mit leiser Stimme zu seinem Chef, als dieser ihn zum Arbeiten auffordert. Der rätselhafte junge Mann aus Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung ist Aktenkopist in einer Anwaltskanzlei. Zunächst fällt er durch stillen schweigsamen Fleiß und höfliche Zurückhaltung auf, beginnt dann von einem Tag auf den anderen, sich weder für noch gegen einen angebotenen Lebensentwurf zu entscheiden. Er entscheidet sich schließlich nicht einmal mehr fürs Essen, mit der Folge, dass er verhungert. Damit wird er zum Bild der größtmöglichen Erfüllung von persönlicher Freiheit und ihrer Perversion zugleich. „Ich möchte lieber nicht“, heißt die Formel, mit der er freundlich und sanft das Weltbild aller erschüttert, die ihm begegnen.

Ausgehend von Bartlebys Satz unternimmt Regisseur Boris Nikitin zusammen mit Katharina Klar und Lorenz Kabas eine theatrale Spurensuche nach dem Nicht-erfüllen-Wollen, Nicht-handeln-Können und der Sehnsucht, nein zu sagen in Zeiten scheinbar unbeschränkter Möglichkeiten und allgegenwärtiger Beschleunigung. Ist Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ nur eine Verweigerung? Oder ist es der erste Schritt aus den Fesseln des vermeintlich Zwangsläufigen, hin zu einem Bereich, der für das Menschsein immer schon existenziell war: das Mögliche? Wie wäre es, wenn wir von der vorhandenen Möglichkeit, „Ich möchte lieber nicht“ zu sagen, Gebrauch machen würden – im Theater und im Leben?

„Sagt jemand, dass man etwas muss, dann ist das immer ein guter Hinweis dafür, dass sich eine Norm dahinter versteckt. Unter persönlicher Freiheit verstehe ich unter anderem, diese Normen zu erkennen, mit ihnen zu spielen, möglicherweise ihnen zu widerstehen. Theater ist für mich interessant als Versuchsmaschine für Handlungs- und Denkoptionen. Und Theater selbst ist eine Handlungs- und Denkoption. “ (Boris Nikitin)




Pressestimmen:

„Großes Theater auf der kleinen Bühne des Schauspielhauses. Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl ist eines der besten Stücke der auslaufenden Spielzeit am Schauspielhaus. […] Harmloser als mit einer Gesangseinlage aus dem Musical Elisabeth kann ein großes Theaterstück kaum beginnen. Und so ist es irgendwie lustig und irgendwie auch sehr rührend, wie Katharina Klar mit ihrer inbrünstigen Interpretation des geschmacklosen Gassenhauers Ich gehör nur mir den Abend eröffnet. Und irgendwie ist das auch noch sehr passend. Denn im chaotischen Kosmos unserer Zeit ist das permanente Beharren auf das eigene Selbstbewusstsein lebensnotwendig geworden. Und Regisseur Boris Nikitin, der nach Der Fall Dorfrichter Adam zum zweiten Mal Regie am Schauspielhaus führt, schaffte es, diese Autopoiesie virtuos zu inszenieren. […] Katharina Klar zeigt ihr ganzes Talent und Können und schreit sich ein wildes Konglomerat von Zitaten, Ideen und Anarchismen von der Seele. Aus ihrem Gebrüll über die Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im falschen, die Paradoxien der Selbstbestimmung und die Katastrophe des Protests, der inzwischen vollkommen unmöglich geworden ist, ergibt sich ein fesselnder Einblick in die Schizophrenie einer ganzen Generation, der zumindest erahnen lässt, warum so viele ‚dagegen‘ sind und noch einmal genau so viele dagegen sind, dagegen zu sein.“
(Michael Thurm, FAZIT)

Scharfsinnige Sprengsätze. […] Intensiver, präziser Bartleby auf der Probebühne. […] „Ich möchte lieber nicht“: Ausgehend von diesem Satz spannt Theaterdenker Boris Nikitin einen intensiv improvisierten Abend. Der scharfsinnige Abend bietet viele Lesarten. Körperhackler Kabas debütiert grandios, erstmals ohne das TiB-Ensemble. […] verdienter Riesenapplaus für Katharina Klar und Lorenz Kabas.“
(Julia Schafferhofer , Kleine Zeitung, 17. Mai 2012)

„Auf der Probebühne macht Regisseur Boris Nikitin mit Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl den Saisonabschluss. Inspiriert von Herman Melvilles Erzählung Bartleby der Schreiber sucht er nach dem dramatischen Potenzial von Verweigerung. Der Abend […] hat etwas. Etwas, das im großen Haus fehlt – eine gute Portion Konsequenz.“
(Hermann Götz, Falter Steiermark, 16. Mai 2012)

„Uraufführung von Boris Nikitin rund um eine Figur von Herman Melville – Katharina Klar und Lorenz Kabas spielen mit Intensität und Präzision. […] Ein Abend rund um gebrochene Erwartungen, Unsicherheit und Möglichkeiten schuf Boris Nikitin auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses mit Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl. Die Produktion, die weniger ein Drama als ein Sich-Annähern an verschiedene Verweigerungsmodelle ist, wurde von den äußerst ambitioniert agierenden Darstellern Katharina Klar und Lorenz Kabas mitgestaltet.
Nikitin greift das Thema auf und lässt Lorenz Kabas und Katharina Klar damit spielen, darüber reden und auch singen. Klar tritt als Musical-Diva auf und singt – sehr gekonnt übrigens – „Ich gehör´ nur mir“, und ist mit dem Verweigerungs-Song der Kaiserin Elisabeth aus dem Musical gleich mitten im Thema. Dann wird immer wieder ein Anfang versucht, doch es kommt nie dazu, denn irgendetwas passiert immer.
Die beiden Darsteller ernteten zu Recht viel Applaus, bewiesen sie doch bei ihrem punktgenauen Spiel Präzision und Durchhaltevermögen.
(Karin Zehetleitner APA, 11. Mai 2012)