Faustvon Johann Wolfgang von Goethe


Ein depressiver Hochgebildeter wird durch das Versprechen immer neuer Sensationen vom Selbstmord abgehalten. „Wir reisen“, sagt der Teufel, „wohin es Dir gefällt. Wir sehen erst die kleine, dann die große Welt“. Die kleine Welt ist die der Sinnlichkeit – an deren Ende das missbrauchte Gretchen stirbt. Die große Welt ist Gegenstand von Faust II: die Welt der Politik, der modernen Ökonomie und Wissenschaften, der virtuellen Reisen, die die alte Magie ablösen.

Faust erfindet das Papiergeld als Fake-Währung für einen bankrotten Kaiser. Er erlebt die Schaffung des künstlichen Menschen. Er reist in einen Vergnügungspark der Antike und findet dort die schöne Helena – das abendländische Weiblichkeitsidol schlechthin – und natürlich eine Schimäre. Mit ihr erlebt er ein kurzes Kleinfamilienglück – bis ihr gemeinsames Kind, der hyperaktive Euphorion, stirbt. Danach bleibt ihm nur noch eines: Bändigung der Elemente und Schaffung einer neuen Zivilisation. Faust wird Planer und Bauherr eines megalomanen Kolonisierungsprojektes. Im Zuge dessen gehen einige Leute über Bord, in diesem Fall sind das Philemon und Baucis – Kollateralschäden. Und noch im Moment des eigenen Todes treibt er seine Arbeiter an und wähnt sich als Herrscher über die selbsterschaffene Welt.

„Goethe verlieh seinem Unbehagen an der Moderne, das sich im Alter bis zur Bestürzung steigerte, in der Fausttragödie einen dramatischen Ausdruck“, schreibt der Goethe-Forscher Michael Jaeger zum Faust II.

Peter Konwitschny inszeniert in einer komprimierten Fassung die kritischen Gelenkstellen der gesamten Faust-Karriere an einem Abend. Nach Shakespeares König Lear im Jahr 2009 ist Faust die zweite Arbeit des Regisseurs am Schauspielhaus Graz.




Pressestimmen:

„Das ist der Clou an dieser Inszenierung von Peter Konwitschny: Er macht Faust zur Tragödie des Mephisto. Sein Drama ist, dass er zusehen muss, wie Gott und damit auch der Teufel abgeschafft, aussortiert werden, wie jede Ordnung, alle Übersicht verdampft. [...] Ja, die Fassung, die Inszenierungsidee dieses dreieinhalbstündigen Gesamt-Faust überzeugt, erhellt, macht denken. [...] Udo Samel vermag wunderbar zu hüpfeln und die Silben so zu schütteln, dass aus den Worten leiser Ironiezauberstaub fällt. Jan Thümers Faust ist ein beeindruckender Hechler, Katharina Klars Gretchen und Birgit Stögers Helena sind dankenswerterweise Starkfrauen mit Eigensinn. [...] Abgerechnet wird erst am Schluss, womöglich nach einer gänzlich unerwarteten Rechnungsart. Konwitschny lässt seinen Faust am Ende Gnade im Himmel finden. Nichts ist diesem Mann fremder, ferner als dies: Himmel, Gnade. Das ist der Umsturz aller Werte, vielleicht sogar eine Hoffnung. In jedem Fall ist dieser Abend damit denkreicher, gehaltvoller als das andere große Faust-Projekt in dieser Saison.“
(Dirk Pilz, Frankfurter Rundschau, 17. Dezember 2012)

„In Windeseile durch die große Welt des kleinen Unterschieds: Peter Konwitschny inszeniert in Graz Goethes Faust, beide Teile an einem Abend – das ist tollkühn und geht erstaunlich gut. [...] Die eigentliche Ausstattung ist die Sprache, exquisit bei Samel [...], von erfrischender Selbstverständlichkeit bei Katharina Klar. Ihr Gretchen ist ein nonchalantes Mädel, das Faust am Ende die eigene Schwangerschaft um die Ohren haut. Wörtlich, indem sie das Polster unterm Kleidchen hervorzieht. [...] Einerseits ist Konwitschnys Faust dann doch ein großer Theaterspaß, andererseits ist es verblüffend, wie gerade in Faust II die Hybris menschlichen Tuns – Papierwährung, Philemon & Baucis sind Fausts Bauprojekten im Weg – ausgebreitet wird. Diese Erkenntnis ist nicht neu, war aber selten so klar wie hier in Graz.“
(Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 20. Dezember 2012)

„Ein enormer Stückbrocken blieb es allemal, von einem höchst ambitionierten Ensemble eindrucksvoll auf die Bühne gewuchtet. Wobei Jan Thümer als Protagonist und Katharina Klar als Gretchen ganz starke Szenen hatten. Am Ende des Abends: Kurzer, heftiger Beifall und kein einziger Buhruf für Peter Konwitschny. Graz hat ihn liebgewonnen.“
(Werner Krause, kleinezeitung.at, Nachtkritik, 15. Dezember 2012)

„Peter Konwitschny inszeniert im Schauspielhaus Graz beide Teile des Goethe-Stücks in einer stringenten und modernen Fassung. Speziell Udo Samel als listiger Teufel und Katharina Klar als Margarethe begeistern. Um eine Weltreise anzutreten, reicht es derzeit, nach Graz zu fahren. Peter Konwitschny hat beide Teile von Goethes Faust inszeniert. [...] Es beginnt unterhaltsam. Das Berliner Faktotum Ahne, bekannt geworden durch seine Gespräche mit Gott [...] befragt den Allerhöchsten per Handy nach allem, was Menschen so interessiert, von den Haaren, die im Alter an den falschen Stellen wachsen bis zu Tieferem wie warum der Mensch missraten ist und ob er ohne Gott auskommen könnte. [...] Udo Samel [der Mephisto], rundlich und statisch, aber dank seiner markanten Stimme und seiner tollen Rezitation souverän, steht in starkem Kontrast zu dem nervösen, energiegeladenen Faust Jan Thümers, der bei geschlossenem Vorhang sein Studierzimmer demoliert – und auch später hauptsächlich als Zerstörer auffällt. [...] Die beiden sinken am Schluss gemeinsam nieder, Mephisto mit zerrissenem Jackett, Faust von Lungenwurm und Blindheit gepeinigt, aber bis zum letzten Atemzug fast ungebrochen – wie sein Schöpfer Goethe. [...] In kürzester Zeit muss die hinreißende Margarethe der Katharina Klar eine starke Metamorphose bewältigen. Bei Konwitschny ist sie ein selbstbewusstes Kind von heute. [...] In einem furiosen Feuerwerk lässt Konwitschny die Kaiserszene ablaufen, die so unglaublich aktuell wirkt mit den Umtrieben des Hofstaates, der Ausbeutung von Rohstoffen, der Erfindung des Papiergeldes, der Inflation usw. Doch der Regisseur zieht auch Linien, die man bei Goethe nicht sieht. Die Gier nach dem Geld lässt allerlei materielle und erotische Bedürfnisse üppig ins Kraut schießen, verdirbt die letzten Reste der Moral, breitet sich epidemisch aus und zieht die Dekadenz nach sich – mit Faust als Spiritus Rector. Er verliert völlig den Boden unter den Füßen, gibt sich neuen Allmachtsfantasien hin und scheucht seinen Mephisto herum, der ihm Helena und Paris beschaffen soll, um die Hofgesellschaft zu „bespaßen“. [...] Jetzt gibt es für Faust kein Halten mehr, die Aufführung galoppiert der Eroberung des Meeresstrandes entgegen, hält kurz bei der zarten und berührenden Episode von Philemon und Baucis (Gerti Pall!) inne – und mündet ins Finale. Konwitschny hat viel zu erzählen, mach möchte ihm nicht in allem folgen, Freunde konservativer Aufführungen dürften irritiert sein. Doch in der Modernität und Zeitnähe hat er Peter Steins unvergesslichen Kraftakt übertroffen. Und das ist mehr als zu erwarten war. Auf zur Weltreise nach Graz!“
(Barbara Petsch, Die Presse, 17. Dezember 2012)

„Am Schauspielhaus Graz findet Peter Konwitschny in beiden Teilen eine Parabel heutiger Apokalypse. [...] Den Berliner Rundfunk-Gott-Plauderer Ahne, Autor auch der „Reformbühne Heim & Welt“, hat man nach Graz eingeladen. Könnte schließlich leicht sein, dass bei Faust I und II an einem Abend Textknappheit ausbricht. Da baute Ahne vor, und seine Handy-Intermezzi brechen die Geschichte aufs Hier und Heute herunter. Aber es ist sowieso rasch klar, dass Peter Konwitschny den Faust abklopft in Richtung Zügellosigkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Klar, dass sich viel Hellsichtiges findet. [...] Erstaunlich, wie Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker eigentlich nur mit Betten und ganz wenigen Versatzstücken respektablen Bühneneffekt generieren. Der Regisseur hat den Rotstift ordentlich wüten lassen und Rollen zuhauf eingespart – und doch fühlt man sich ganz nah an Goethe. Man wird ergötzt von Ahnes Zwiegesprächen mit Gott, die als apart-leichtgewichtige Intermezzi allfälligen Pathos augenblicklich zerstäuben oder ihn gar nicht erst aufkommen lassen. [...] Eigentlich weist uns Peter Konwitschny an diesem Abend ins Theater als eine ziemlich moralische Anstalt ein. Wir besuchen sie mit Lustgewinn.“
(Reinhard Kriechbaum, nachtkritik.de, 15. Dezember 2012)

„Die Sensation liegt auf der Hand. Peter Konwitschny, gefeierter Regisseur zahlreicher Opernskandale, mit denen sich zum Teil auch Graz schmücken durfte, inszeniert Goethes Faust. [...] Wieder ist der grandios gelassene Udo Samel dabei: diesmal als meisterlicher Mephisto. [...] Sensibel und selbstironisch nähert er sich dem Drama, dessen Geheimnis auch nach der verspäteten Freigabe des Guckkastens hinter einer zweiten Garnitur schwerer Vorhänge lauert (Ausstattung: Johannes Leiacker).“
(Hermann Götz, Der Falter, 19. Dezember 2012)

„Die Tragödie nimmt ihren Lauf mit einigen erstaunlichen, aber durchaus amüsanten Telefonaten. In fast kabaretthafter Manier führt der Berliner Autor und Zyniker Ahne einige Telefonate mit Gott. Er tut dies vom Bühnenrand, an einem Stehtisch, mit einer Sechserpackung Bier zumindest eine Weile gut versorgt. Der Vorhang bleibt geraume Zeit geschlossen. Dahinter rumort und kracht es, als würde Faust, dessen erste Monologe aus dem Lautsprecher kommen, mit einer Abrissbirne noch einige geringfügige Änderungen an der Kulisse vornehmen. [...] Mephisto hat es sich anfangs im Zuseherraum halbwegs bequem gemacht, meldet sich aber mit zunehmender Ungeduld und Störrufen; schließlich habe er sich doch eine Eintrittskarte für Faust gekauft und nicht für dieses Palaver zwischen Himmel und Erde. Unter dem Motto, dass dem armen Knaben, der da gar so wütet, doch geholfen werden müsse, tappt er sich allmählich bühnenwärts und zieht den Vorhang zur Seite. Das Spiel, das ja durchaus den Namen Weltspiel verdient, kann endlich beginnen.“
(Werner Krause, Kleine Zeitung, 17. Dezember 2012)

„Mephisto, ein Businessman in Schlangenlederschuhen und rotem Schal, ist bei dem grandiosen Udo Samel kein diabolischer Gehörnter, vielmehr der Hinterfotzige von nebenan. Er ist einer, der auf die leise Tour Verderben sät, dabei aber zunehmend überfordert ist. Faust und Mephisto: zwei Männer auf dem Weg in den Untergang.“
(Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 17. Dezember 2012)


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SCHAUSPIELHAUS GRAZ: Trailer zu FAUST