Audioeinführung „Judas“

Judas

Lot Vekemans
Eine mobile Produktion in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche (Dr. Gertraud Schaller-Pressler) und der Evangelischen Kirche Steiermark (Mag. Helga Rachl)

Inhalt

Das Schauspielhaus Graz war in der vergangenen Spielzeit unterwegs in 25 steirischen und Grazer Kirchen. Auch in dieser Saison ist Fredrik Jan Hofmann weiterhin als der bekannteste Verräter der Geschichte auf Tour – heuer auch in Kärnten und in Wien; bislang sind 18 Vorstellungen geplant.

„Es ist ein aufwühlender Theaterabend bei freiem Eintritt, der ausschließlich in Kirchen gestaltet wird – eine Herausforderung, so Regisseur Markus Kubesch: ‚Der Spielort Kirche ist Segen und Fluch gleichzeitig, denn er ist Gefäß für ein ganz eindeutiges Narrativ.‘“ (Kirsten Hauser, steiermark.orf.at, 27. Jänner 2017)

Ein Vorverkauf findet nicht statt; Eintritt als Kollekte am Veranstaltungsort.

„Judas“ von Lot Vekemans ist auch als eBook erschienen. Über die Website www.textbuehne.eu können Sie das Theaterstück in diversen Online-Shops bestellen.

Die Entstehung einer Religion gleicht einer Revolution: eine Massenbewegung, die aus einer konkreten historischen Situation heraus den Zustand der Welt zum Besseren verändern will. Und einer, der wissen muss, wie das alles ganz am Anfang des Christentums war, ist Judas. Die flämische Autorin Lot Vekemans bietet in ihrem Monolog der Ikone des Verrats ein Plenum und macht einen dramaturgisch wichtigen Nebencharakter zum Hauptdarsteller. Fast zwei Jahrtausende nach seiner Tat präsentiert sich Judas als Theaterfigur, lässt uns teilhaben an den Geschehnissen. Der Text ist Augenzeugenbericht, Verteidigungsrede, Image- Kampagne und Eingeständnis von demjenigen, der „schwärzer wurde als schwarz“, weil alle anderen die Schuld am Tod des Messias auf ihn abladen konnten, unter dem Motto: „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ Judas erzählt die Geschichte aus seiner Sicht. Er spricht über seine Wut, seine Enttäuschung und seine Sehnsüchte, ohne die Verantwortung für sein Handeln zu leugnen. Ist es der Versuch eines Schuldbekenntnisses oder eher einer Rechtfertigung? War er ein Werkzeug oder ein Opfer des Schicksals? Was waren die Gründe, die hinter seinem Tun standen? Wie wäre die einfluss- und folgenreichste Geschichte des christlichen Abendlandes weitergegangen, wenn er Jesus nicht verraten hätte? Inzwischen ist das Christentum die größte weltumspannende Religion, 32% der Weltbevölkerung und mehr als 6 Millionen Österreicher*innen sind christlich getauft. Die imposanten Kirchengebäude, die unsere Städte und Gemeinden architektonisch mitprägen, sind sichtbares Zeugnis der geistlichen Kraft und des Selbstbewusstseins dieser Religion, die in ihrer langen Geschichte auch dunkle Kapitel hat, die zum aufgeklärten Christentum gehören. Und so verdankt sich diese Inszenierung auch dem Interesse zahlreicher Kirchenverantwortlicher an einer ungewöhnlichen Form der Auseinandersetzung: „Judas“ wird ausschließlich in Kirchen gezeigt, die mit ihrer speziellen Atmosphäre und Geschichte zu wichtigen Mitspielern in dieser Inszenierung werden.

 


WO IST DIE MENSCHLICHKEIT?
Im Gespräch mit Autorin Lot Vekemans

Lot Vekemans, Autorin von „Judas“, war Anfang Juni für ein paar Tage in Graz. Anlass für ihren Besuch war das DRAMATIKER|INNENFESTIVAL von Schauspielhaus und uniT, in dessen Rahmen auch „Judas“ in der Kirche St. Andrä in Graz aufgeführt wurde. Das Gespräch fand vor der Vorstellung – die Lot Vekemans übrigens ausgezeichnet gefallen hat – in der Bibliothek des Priesterseminars gegenüber vom Schauspielhaus statt. Hier mischten sich mehr oder minder steirisch gefärbtes Deutsch (Dr. Gertraud Schaller-Pressler, Kirchenkultur Graz, Dr. Alois Kölbl, Katholische Hochschulgemeinde und St. Andrä), Hochdeutsch mit Berliner Akzent (Karla Mäder, Schauspielhaus Graz) mit dem niederländischen Dialekt der wunderbar Deutsch sprechenden Autorin und viel Gelächter, denn Lot Vekemans ist eine so temperament- wie humorvolle Gesprächspartnerin.

Überraschende Frage: Warum haben Sie gerade die Figur des Judas ausgewählt für das Stück?

Das hat eigentlich etwas zu tun mit einem Monolog, den ich für Ismene, die Schwester von Antigone geschrieben habe. Darin lasse ich jemanden zu Wort kommen, den wir nie hören. Die Ödipus-Geschichte wird von Ödipus selbst erzählt, von Antigone, von den zwei Brüdern, aber nicht von Ismene. „Schwester von“ war ein großer Erfolg, also haben der Regisseur und ich gedacht, dass wir noch einen Monolog machen sollten für einen Mann. Und so kam ich auf Judas. Damals, 2006, war viel vom Judas-Evangelium die Rede. Und ich dachte, das ist doch eine gute Figur: Wir haben sehr viele Geschichten über Judas, aber er hat sie nicht selber erzählt. Und ich war auch sehr neugierig, was passierten würde, wenn er anfängt zu reden.

Wie haben Sie sich dem Stoff angenähert?

Ich wollte nie sagen, dass er den Verrat nicht begangen hat. Deswegen habe ich viel recherchiert und nachgedacht und mich gefragt: Warum hat er das gemacht? Es war wirklich wichtig für mich, das zu verstehen. Und eigentlich ist das Schreiben des Stücks mein Weg zum Verstehen geworden. Dann bin ich in Holland einem Pastor begegnet, der eine Habilitation geschrieben hatte, wie sich das Bild von Judas während 2000 Jahren verändert hat: so ein dickes Buch, mit so vielen Quellen (Anm.d.Red.: s. Bert Albers: De Ware Judas. nieuw licht op een duister figuurs, 2006). Das war eigentlich der Schlüssel zu diesem Stück. Hinzu kam, dass ich gerade umgezogen war von der Stadt aufs Land, wo ich mit meiner Partnerin ein kleines Hotel eröffnet hatte. Und dort gibt es eine ehemalige Kapelle von einem früheren Bewohner. Das Kreuz war zwar nicht mehr da, aber man konnte noch immer seinen Schatten sehen. Das war eine so emotionale, auch schwere Begegnung, die mir geblieben ist ... Ich finde es immer noch schwierig, einen toten Mann anzuschauen, und obwohl das Kreuz nicht mehr da war, war es doch noch dort – und für Judas hat das Kreuz mit seiner Tat zu tun. Dort habe ich das Stück geschrieben.

1975 hat Walter Jens „Der Fall Judas“ geschrieben, eine sehr theologische Auseinandersetzung mit diesem Fall Judas. Reagiert Ihr Theaterstück auf Walter Jens?

Nein. Ich habe versucht, die Geschichte zurückzubringen zu dem Menschen Judas. Als einer der Zwölf war er zwar nicht so normal, aber er war ein Mensch, und gleichzeitig ist seine Geschichte die der Freundschaft zwischen zwei Männern. Gibt es vielleicht einen emotionalen Grund, warum das passiert ist? Am Ende habe ich so einen Grund gefunden. Das war wichtig, weil ich dachte: Ich glaube nicht, dass er das mutwillig gemacht hat, dass es seine Absicht war, dass Jesus getötet wurde.

Was kann uns die Geschichte von Judas heute erzählen?

Es scheint, als ob wir etwas „brauchen“, um die Welt einzuteilen: Hier sind die Menschen, dort die „Unmenschen“. Für diese haben wir viele Wörter: Schweine, Ziegen, Ratten …, eben alles, was kein Mensch ist. Dieses Entmenschlichen ist etwas, was wir jetzt wieder machen: Wir sehen gerade hier in Europa jeden Tag die Barriere zwischen den Menschen und den Unmenschen. Und das ist eigentlich das, was Judas am Ende versucht: wieder vom Unmenschen zum Menschen zu werden.

Nach einer Vorstellung hat eine Ordensfrau gesagt: „Ich hätte nie gedacht, dass mir der Judas einmal so sympathisch sein könnte.“ Ist das für Sie eine erwartbare oder auch erwünschte Reaktion?

Das ist eine wunderbare Reaktion! Wenn das passiert, dann habe ich eigentlich eine Überzeugung geändert. Das ist in unserer Zeit wichtig. Wir haben alle Überzeugungen und sind sehr, sehr sicher, dass unsere die richtige ist. Und ich denke, wenn wir etwas aufbrechen können, dann kommen wir weiter. Wenn wir diesen Prozess verstehen und mehr in uns gehen und uns fragen, was ist eigentlich meine Verantwortung für das, was in der Welt passiert, dann hat sich für mich eine wichtige Botschaft des Stückes erfüllt. Und wenn jemand das so empfindet, dann denke ich: toll! Denn ich finde Judas auch sympathisch, wirklich!

Bei der Preisverleihung des katholischen Ludwig-Mühlheims-Theaterpreises haben Sie gesagt, die Frage heute sei, wo wir in einem sich ändernden Europa stehen. Überwiegt die gesellschaftspolitische Dimension oder die religiöse Dimension des Stoffes? Wir haben bei unseren Aufführungen die sehr interessante Konstellation, dass das Stück ausschließlich in Kirchen aufgeführt wird, d.h. es hat ein Kirchenpublikum, aber auch andere Leute. Für wen ist dieses Stück primär geschrieben?

Ich habe eigentlich niemals ein bestimmtes Publikum vor Augen. Jeder, der mich anhören will, für den will ich schreiben. Ich bin vom Ursprung katholisch, aber niederländisch-katholisch, das heißt, dass wir nichts machen. (Lachen) Das hat natürlich mit meinen Eltern zu tun. Als sie jung waren, war es sehr schwer, jeden Tag musste man das und das und das machen als guter Katholik. Und in den 60er Jahren wollte man das nicht mehr. Ich denke, meine Eltern waren im Grunde noch immer gläubig, aber das letzte Mal, dass ich wirklich jeden Sonntag in die Kirche kam, war ich sieben oder so. Obwohl ich sehr beeindruckt war von der Kirche und auch Messdiener war, wie heißt das, ja: Ministrantin. Ich fand das super!

In dieser Generation war das ja noch etwas ganz Besonderes, da hat es in Österreich zumindest erst begonnen, dass Mädchen auch ministrieren dürfen.

Ja, wir waren etwa die erste Generation. Ich war auch auf einer katholischen Schule, aber dort gab es nur noch einen Pater und eine Schwester. Die Schwester war schrecklich, aber der Pater war wunderbar – und ich hatte den Pater. Er war ein wichtiger Mensch für mich. Meine Schwester war bei der Schwester, und sie hat noch immer ein Trauma davon. Das sind eigentlich die zwei Seiten der Kirche: Sie kann traumatisieren oder wirklich helfen. Und alles dazwischen natürlich. Aber ich erinnere mich auch noch genau den Tag, an dem ich gesagt habe: Jetzt bin ich nicht mehr katholisch. Im Religionsunterricht dachte ich plötzlich: Ich glaube lieber an die Menschen als an Gott. Humanismus gegen Christentum. Damals ging das für mich nicht zusammen, aber natürlich geht das. Man kann sagen, Gott ist in uns und für mich ist das gleich das, was ich Mensch nenne.

Ist der „Judas“ bereits in Kirchen gespielt worden?

In Holland gab es 30 „Judas“-Vorstellungen, und wir hatten auch die Idee, das Stück in Kirchen zu spielen, aber es war zu schwierig, das zu organisieren. Es gab nur eine geschlossene Vorstellung in einer Kirche. Darum war ich so froh, dass 10 Jahre später irgendwo hinter den Alpen jemand sich gedacht hat: Wir machen den „Judas“ hier in Kirchen. Und ich dachte: Ja, endlich ist er da!

„Judas“ wird nach bald 50 Vorstellungen in der gesamten Steiermark wieder von Oktober 2018 bis Juni 2019 gespielt. Wenn Sie Interesse haben, eine Vorstellung zu sich in die Kirche einzuladen, melden Sie sich gerne bei karla.maeder@schauspielhaus-graz.com

Pressestimmen

„In ihrem Monolog ‚Judas‘ hat Lot Vekemans die Perspektive jenes Mannes eingenommen, der Jesus verraten hat. Und Fredrik Jan Hofmann verleiht ihm in dieser Schauspielhaus-Produktion im Mausoleum atemberaubende Präsenz.[…] Und Schauspieler Fredrik Jan Hofmann macht diese Figur zu einem Menschen: präsentiert den Zweifler und Verzweifelten, den Ängstlichen und den Wütenden, den Freund, den Verletzten und den Aufbegehrenden. Das alles mit einer Intensität, die einen vom ersten bis zum letzten Moment gefangen nimmt. Dabei wird er von Markus Kubeschs subtiler Regie unterstütz. Hier sitzt jede Geste, jede Bewegung im Raum. Hier stimmt jede Gewichtung. […] Bei der Premiere im Mausoleum gab es Standing Ovations. Berechtigt!“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 29. Jänner 2017)

„Eindringliche ‚Judas‘-Premiere im Mausoleum Graz. […] Markus Kubesch konzentriert sich in seiner Inszenierung für das Grazer Schauspielhaus in sakralen Räumen auf die vielen Grautöne im Text. Durch die Schattierungen von Schuld und Unschuld, Krieg und Frieden, Licht und Schatten stemmt sich Ensemble-Mitglied Fredrik Jan Hofmann bravourös.“ (Julia Schafferhofer, Kleine Zeitung, 29. Jänner 2017)

„Kerzenschein und Schatten: Fredrik Jan Hofmann stemmt den scharfsinnig luziden Monolog von Lot Vekemans ‚Judas‘ in der nüchternen Inszenierung im Grazer Mausoleum beeindruckend perspektivenreich. […] Ensemble-Mitglied Fredrik Jan Hofmann stemmte den Monolog grandios: Einmal zweifelnd, einmal fragend, dann wieder wütend und im nächsten Moment milde legte er in seinem Spiel Facette für Facette von der spannenden Figur Judas und ihrer wechselvollen Geschichte frei. […] Regisseur Markus Kubesch konzentrierte sich in seiner nüchternen Inszenierung mit einem puristischen offenen Neonröhrenkubus (Vibeke Andersen) auf den scharfsinnig luziden Text, der die Frage nach der Schuld auch ins Publikum wirft, immer wieder, und damit an einen Perspektivenwechsel appelliert. Keine Frage: Der Text entfaltet seine volle Wirkung.“ (Julia Schafferhofer, kleinezeitung.at/Nachtkritik, 27. Jänner 2017)

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Dauer: ca. 1 Stunde, keine Pause
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