König Artus mit Puppe Merlin vor der Tafelrunde

Merlin oder Das wüste Land

Tankred Dorst, Mitarbeit Ursula Ehler
Regie Jan-Christoph Gockel

Inhalt

„Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, jedoch herrscht am Anfang der neuen Weltordnung erst einmal nichts als Chaos und Dunkelheit: Die heidnischen Götter sind vertrieben und Christus erleuchtet nur schwach die Welt. An dieser Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit versucht der visionäre König Artus zusammen mit dem Zauberer Merlin ein friedlicheres Miteinander und eine neue Ordnung zu etablieren; seine Tafelrunde ist ein runder Tisch, an dem jede Stimme gehört wird. Aber Merlin wurde vom Teufel gezeugt mit der Absicht, die Menschen zum Bösen zu verführen. Seine Mutter war eine fromme Hure, und so streiten sich in diesem Teufelsspross das Böse und das Gute, und alle Versuche, das „wüste Land“ zu zivilisieren, enden in neuer Konfusion. Die einflussreichen Ritter der Tafelrunde verfolgen ihre jeweils eigenen Interessen, bis schließlich Artus’ Sohn mit seinem Machtgelüst die ganze Welt in den Untergang reißt. Die heidnischen Götter kehren zurück und streichen erneut um das Schlachtfeld.
 
Tankred Dorsts monumentales Drama, uraufgeführt 1981, verwebt verschiedene mittelalterliche Mythen zu einer großen Erzählung von Anfang und Ende einer Zivilisation, und es berichtet in nicht weniger als 97 Szenen von einer Zeitenwende, in der die alten Götter abgelöst worden sind von einer neuen Religion mit einem Gott, der sich nirgendwo manifestiert. Darin spiegelt sich unsere Gegenwart, die dringend neue Werte und Orientierungen benötigt.

Jan-Christoph Gockel, geboren kurz nach der Uraufführung von „Merlin“, ist einer der gefragtesten jüngeren deutschen Regisseure, der komplexe literarische Stoffe mit Fantasie, Spielfreude und großer theatraler Sinnlichkeit umsetzt. Gockel studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin und ist Hausregisseur am Staatstheater Mainz. Am Konzert Theater Bern inszenierte er zur Eröffnung der Schauspieldirektion von Iris Laufenberg Philipp Löhles „Trilogie der Träumer“ und zuletzt in einem Steinbruch eine so opulente wie scharfsinnige Adaption des Romans „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ von Christian Kracht.
 
In der Inszenierung von „Merlin“ werden neben den Schauspielerinnen und Schauspielern die Puppen von Michael Pietsch, mit dem Jan-Christoph Gockel regelmäßig zusammenarbeitet, eine entscheidende Rolle spielen.
 

Pressestimmen

„Seine Direktion gleich mit einer ordentlichen Portion Welttheater zu beginnen, ist keine schlechte Idee. […] Dass es ein Abend zum Staunen, zum Lachen, zum Schauen und zum Nachdenken wurde, verdankt sich vor allem drei Künstlern. Der junge Regisseur Jan-Christoph Gockel hielt die vielfältigen Elemente des Abends zusammen. Der Puppenspieler Michael Pietsch zog eine reizvolle zusätzliche Spielebene ein und sorgte mit seinen Holzpuppen für manchen Höhepunkt. Und schließlich erwies sich die 26-jährige Julia Gräfner […] als eine gewagte und gewichtige, aber darstellerisch auf ganzer Linie gewinnende Besetzung. […] Der Bluick auf die Menschheitsgeschichte berechtigt nicht zu übergroßem Optimismus. Die nahe Zukunft am Schauspielhaus Graz sieht dagegen vielversprechend aus.“ (Wolf Huber-Lang, Die Bühne, November 2015)
 
„Grandioses Panoptikum. Regisseur Jan-Christoph Gockel malt mit Tankred Dorsts ‚Merlin oder Das wüste Land‘ in knapp vier Stunden ein schillerndes Monumentalgemälde der menschlichen Unbelehrbarkeit. […] Das Monumentale wird hier monumental gefeiert, gestützt nicht zuletzt durch Julia Kurzwegs phänomenales Bühnenbild, überragt vom Stamm eines Mammutbaums. Unterstützt von Puppenspieler Michael Pietsch und einem großteils neuen Ensemble, das sich im dorstschen Panoptikum hervorragend präsentieren kann, gelingt ein bemerkenswerter Abend, dessen auch bemerkenswerte Länge erst gegen Ende zur Herausforderung wird. Auf jeden Fall: ein gelungener Auftakt für das neue Team“ (Ute Baumhackl, Kleine Zeitung Nachtkritik, 24. September 2015)

„Eine neue Intendanz gilt es mit einem Knaller zu eröffnen. ‚Merlin oder Das wüste Land‘ ist so einer. […] Immer wieder treten die Mitglieder des unter Iris Laufenberg neu formierten Ensembles aus ihren Rollen, lassen König Artus, Parzival und die Tafelrunde links liegen, kommunizieren mit dem Publikum, ironisieren auch die eingetretenen Pfade der Theaterkritik. Als Parzival wie auch als Elaine zeigt Julia Gräfner, dass sie das Zeug zum neuen Grazer Publikumsliebling hat. […] Marionettenzauberer Merlin sieht ein Theater, das trotz der Gesamtlänge um Kurzweil bemüht ist, keine Rücksichten auf die Ansprüche von Germanisten nimmt. Das von Leichtigkeit, geprägt ist, aber nicht nur in der finalen Menschheitsbeschreibung über den untergegangen Zwergplaneten auch nahegeht.“ (Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 26. September 2015)
 
„Das mit seinen fast 100 Szenen eigentlich unspielbare und umso besser lesbare Drama bekommt in Graz fast 35 Jahre nach seinem Erscheinen einige neue Facetten. […] Der Baum wird später auch der Wald, in dem Parzival sich vor der Welt versteckt. Seine überbehütende Mutter wird entzückend von Franz Solar gespielt. Parzival selbst ausgerechnet von einer sehr jungen, sehr talentierten Frau: Julia Gräfner gibt den Narrenritter mit der Unbefangenheit und Brutalität eines Kleinkindes, das weiß, was es will. Gräfner spielt auch Elaine, die sich als Ginevra (stark: Evamaria Salcher) ausgibt, um sich vom Soundgarden-Nummern singenden Sir Lancelot (Florian Köhler) ein Kind machen zu lassen. […] Das neue Ensemble gibt Anlass zur Freude: Etwa Fredrik Jan Hofmann als Artus und Benedikt Greiner als dessen Sohn Mordred, der die Tafelrunde stellvertretend für die Festung EU beschimpft. Der vierstündige Abend ist nie langweilig und dreht sich wie eine Schraube durch die Geschichte, Stilrichtungen wie Gewebeschichten passierend. […] Ein düsteres, aber farbenfrohes, tiefgründiges Merlin-Kaleidoskop.“ (Colette M. Schmidt, Der Standard, 26. September 2015)
 
„Für die Grazer Fassung haben Regisseur Jan- Christoph Gockel, Dramaturgin Karla Mäder und das Ensemble dieses Scheitern genauer unter die Lupe genommen und mit einer ganzen Reihe aktueller Anspielungen aufgefettet. Diese fügen sich aber so perfekt in den Abend, dass sie mindestens so selbstverständlich wirken wie inszenatorische Anleihen bei Shakespeare und Goethe, oder das lustvolle Durchbrechen der vierten Wand. Natürlich fügen sich auch die von Michael Pietsch gebauten Puppen in die Inszenierung. […] Julia Gräfner, [verkörpert] den reinen Toren mit großer Kraft und kindlichem Gemüt ideal. Als König wider Willen, beeindruckt Fredrik Jan Hofmann. Evamaria Salcher ist eine schöne, selbstbewusste Ginevra mit viel Tiefgang. Eine beeindruckende Leistung liefert Florian Köhler als Lanzelot, der als edler Ritter ebenso überzeugt wie als dem Wahnsinn Verfallener […]. Eine erstaunliche emotionale Bandbreite zeigt Benedikt Greiner als Mordred, und auch Raphael Muff als Sir Kay gefällt in seiner Vielseitigkeit. Gut wie lange nicht mehr: Franz Solar in diversen Rollen. Ein riesiger Baum als Symbol des Reiches ist das zentrale Element der Bühne von Julia Kurzweg. Sophie du Vinages Kostüme setzen auf Symbolik, episch ist die Musik von Matthias Grübel. […] Dreieinhalb Stunden voller Spielfreude, Aktualität, originellen Einfällen und prallem Theater. So möge es bitte weitergehen!“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 26. September 2015)

„Mit mitreißender Spielfreude und gutem Schmäh gelingen dem aus alten und neu engagierten Schauspielern zusammengesetzten Ensemble mindestens zwei Weltklasseszenen. In der einen will König Artus (Fredrik Jan Hofmann) einen großen Tisch für seine Tafelrunde besorgen, was beinahe an einem Schreiner (Florian Köhler) scheitert der den jungen König mit der ganzen Macht des renitenten Handwerkers auflaufen lässt: ‚Wir mochn kane Tisch'!‘ Hochkomisch auch die Szene, in dem die von Artus geschwängerte Elaine (Julia Gräfner) mit dem gemeinsamen Sohn (einer Riesenbaby-Puppe) auftaucht und dem peinlich berührten Kindsvater hysterisch ihr Leid klagt. An seinem Geburtstag und zu Weihnachten warte der Bub immer darauf, dass das Telefon läutet und der Papa anruft. ‚Aber es hat noch nie geläutet.‘ Die Aufführung hebt trotzdem ab.“ (Wolfgang Kralicek, Süddeutsche Zeitung, 30. September 2015)

„Nur acht Darsteller bewältigen die Vielzahl der Charaktere – und das mit überwältigender Wandlungsfähigkeit bei dennoch durchschaubarer Logik und Transparenz. […] Regisseur Gockel reduziert den gewaltigen Kosmos der Menschheit mit entwaffnendem Charme […] Auch wird Parcivals Mutter urkomisch von Franz Solar gespielt und Parzival grandios von der blutjungen, behänden Anfängerin Julia Gräfner. […] Pietsch changiert mit nonchalanter Souveränität zwischen Konferencier, Schausteller und Mitspieler in vielen Rollen bis hin zum leidenden Amfortas –eine grandiose Leistung! […] Auch Shakespeares Sommernachts-Handwerker und manch’ anderes Welttheater werden zitiert. Das macht diesen opulenten, überraschend kurzweilig unterhaltsamen Theaterabend zum großen Ereignis, dem das sehr aufgeschlossene steirische Publikum ostentativ begeistert und animiert folgte.“ (Marieluise Jeitschko, theaterpur.net, 23. Oktober 2015)

„15 Stunden, heißt es, würde eine komplette Aufführung dauern. Eine Menge Holz. Gockel hat den Wald gelichtet, ohne die buntesten Blüten von Dorsts Phantasie zu kappen. Die Inszenierung ist ein klares Bekenntnis zum szenischen Wildwuchs. Es gibt Lautes und Leises, heiligen Ernst und heillosen Klamauk, Popsongs, Pathos (u. a. dank Fantasyfilm-tauglicher Musik) und Puppenspiel. Titelheld Merlin etwa ist eine nackte Holzgliederpuppe (gebaut und toll geführt von Michael Pietsch) […] Dieser überbordende Auftaktabend ist aufregend und anstrengend, enervierend und faszinierend zugleich.“ (Christoph Leibold, Theater der Zeit, Dezember 2015)

„Hier wird ‚Merlin oder Das wüste Land‘ in ein Märchen mit viel Klamauk und Lust am Spiel verwandelt. […] Der Teufel erscheint in vielfacher Gestalt, fast alle im Ensemble spielen ihn, und Merlin ist ebenfalls wandelbar. Als Puppe und als Puppenspieler (Michael Pietsch), er kann ein schwarzer Vogel sein, der vom Kind Parzival gejagt wird, oder er sitzt unerkannt im Baum. Ein Prachtexemplar davon dominiert die Bühne – Julia Kurzweg lässt an diesem Riesen herumhacken, lässt ihn schließlich sogar spektakulär fällen.“ (Norbert Mayer, Die Presse, 26. September 2015)

„Zugegben. vier Stunden sind relativ viel Lebenszeit. Aber gut zugebrachte bei diesem ‚Merlin‘ am Grazer Schauspielhaus. […] Diese Inszenierung verströmt eine nervöse Energie, ein überdrehte Komik, die der Intention Dorsts vielleicht doch ganz gut entspricht, auch wenn sie seinen grüblerischen Grundton abgestreift hat […] Durchwegs in Mehrfachrollen spielen alte und neue Ensemblemitglieder glanzvoll auf – anrührend Evamaria Salcher, Jan Fredrik Hofmann und Florian Köhler im Liebesdreieck Ginevra-Artus-Lancelot, Julia Gräfner als störrischer Parzival und Franz Solar als seine überreizte Mutter Herzeloide, Benedikt Greiner als ödipaler Mordred. Phänomenal das Bühnenbild von Julia Kurzweg.“ (Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, 26. September 2015)

„Eine fantasievolle Menschheitsgeschichte hat das Grazer Schauspielhaus am Donnerstag mit Tankred Dorsts „Merlin“ als erste Premiere der neuen Direktion auf die Bühne gebracht. Zusammen mit den Puppen von Michael Pietsch gelang dem spielfreudigen Ensemble ein unterhaltsamer Abend.“ (Karin Zehetleitner, APA, 25. September 2015)
 
„Bildmächtige Szenerien, lustvolle Gruppen-Improvisationen, eine durchaus draufgängerische Mixtur aus dick aufgetragener Hintersinnigkeit und naiv ausgespieltem, gelegentlich ins Kraut schießendem Klamauk. […] Regisseur Jan-Christoph Gockel schreibt uns den Denkstoff nicht vor, er hat sich eher assoziativ denn planvoll ans Kürzen und Neu-Zusammenstellen des Text-Molochs gemacht. Das Kaleidoskopartige der Vorlage bleibt erhalten, wird eher noch aufgefettet durch Anspielungen auf Tagesaktualitäten.“ (Reinhard Kriechbaum, nachtkritik.de, 25. September 2015)

„Überhaupt bot das Ensemble, das sich zahllose Rollen teilt, nach verständlicherweise angespanntem Start eine beglückend starke Performance. Und erntete gemeinsam mit dem anwesenden Autor viel freundlichen Applaus.“ (Hermann Götz, Falter, 30. September 2015)
 
„Rund um einen gewaltigen mammuthaften (!) Baumstamm (Bühne: Julia Kurzweg) lenkt die hölzerne Marionettengestalt Merlin (eindrucksvoll von Michael Pietsch geführt) […] die Geschicke der Menschen. […] Immer wieder scheitert der Teufelssohn Merlin an seinen menschlichen Versuchsobjekten, die von einem hervorragend spielenden Ensemble dargestellt werden.“ (Barbara Rauchenberger, Die Furche, 1. Oktober 2015)
 
„Julia Kurzwegs eindrucksvolles Bühnenbild wird von einem ebenso gewaltigen, naturgetreu nachgebildeten Mammutbaum dominiert. Der Baum soll uns die Endlichkeit eines Menschenlebens vor Augen führen […]Passend dazu spiegelt sich in den Kostümen von Sophie du Vinage nahezu die gesamte Geschichte der Menschheit wider. […] Regisseur Jan-Christoph Gockel inszenierte einen ganz großen Theaterabend.“ (Günther Konecny, Prospect, Dezember 2015)

ORT & DAUER
HAUS EINS
Hofgasse 11, A - 8010 Graz
Dauer: ca. 3 Stunden, 50 Minuten, inkl. einer Pause
Medien
König Artus mit Puppe Merlin vor der Tafelrunde