Audioeinführung „Secondhand - Zeit“

Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Deutschsprachige Erstaufführung

Swetlana Alexijewitsch

Inhalt

Im November 1917 wurde der Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ausgerufen. Millionen Menschen auf vier Kontinenten der Erde wuchsen fortan mit der stolzen Gewissheit auf, zur besseren Hälfte der Menschheit zu gehören. Das Ziel war, weltweit den Kommunismus durchzusetzen, eine Art Himmelreich auf Erden. Dies verlangte heldenhafte Eigenschaften: Mut, Opferbereitschaft, Leidensfähigkeit, Stärke, Ausdauer, Intelligenz. Dass die Sowjetunion als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges geradezu Übermenschliches geleistet hatte bei der Niederschlagung des Faschismus war jenes Narrativ, das lange die Siegesgewissheit gegenüber dem Kapitalismus heraufbeschwören konnte. Bis in den 1980er-Jahren mit Perestroika und Glasnost dieses Weltbild ins Wanken geriet.

Denn als Ende der 80er-Jahre der Eiserne Vorhang fiel, waren es vor allem zwei Faktoren, die dafür sorgten, dass das Volk die Errungenschaften des Sozialismus bereitwillig hergab: die Aufdeckungen des stalinistischen Terrorregimes und die marode Wirtschaft, die nicht in der Lage war, Sehnsüchte nach westlichen Konsumgütern mit eigenen Erzeugnissen zu befriedigen. Eine ganze Welt ging im Tausch gegen „Wurst und Jeans“ verloren: Vorbei die Zeiten, in denen man sich nächtelang am Küchentisch die Köpfe heiß redete und eine bessere Welt beschwor. Auf einmal waren Träume weniger wichtig als real erfüllte Bedürfnisse und Ideen, Gedichte, Theaterstücke, Lieder, Bücher weniger wertvoll als eine größere Wohnung oder ein Auto.

Erinnerungen wie diese erstehen in den Gesprächen, die Swetlana Alexijewitsch mit ehemaligen Sowjet-Bürger*innen geführt hat. Das postsowjetische Lebensgefühl speist sich für viele aus der bitteren Erkenntnis, dass sie eine große Verheißung, die Utopie einer anderen Gesellschaftsordnung, auf dem Altar des Kapitalismus geopfert haben und dass den meisten das Verlorene inzwischen mehr wert scheint als das Gewonnene. Und wie von selbst erklärt sich auch die aktuelle russische Politik, die eine große Demütigung durch Wiedererlangung imperialer Größe zu kompensieren versucht. Die Autorin gibt in ihrem einzigartigen Dokumentarstil ganz normalen Sowjet-Bürger*innen eine Stimme und lässt diese 100 Jahre nach der Oktoberrevolution erzählen, warum die Revolution gelang – und warum sie nach 70 Jahren scheiterte.


 

Pressestimmen

„Eine an Stationen reiche Zeitreise in das Jahr 1991, hin zum Ende der Sowjetunion, eindrucksvoll inszeniert. [...] Der Spagat zwischen Verehrung und Verteufelung der Vergangenheit wird auf vielschichtige Weise nachvollziehbar. Eine bewegende Vorstellung.“ (Julia Braunecker, Kleine Zeitung, 3. Dezember 2016)


„Die Spanierin Alia Luque bringt „Second-Hand“ nun als Sportstück auf die kleinere Bühne des Grazer Schauspielhauses. Zwei Männer und zwei Frauen üben sich im Dauerlauf und in permanenten gymnastischen Verrenkungen und Lockerungsübungen. Wie eine Stafette übergeben sie einander das Wort.“ (Reinhard Kriechbaum, nachtkritk.de, 5. Dezember 2016)


„Mit 'Secondhand-Zeit' hat Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch einen berührenden Abgesang auf die Sowjetunion geschrieben. [...] Es ist ein kraftvoller Abgesang auf ein gescheitertes Regime und bietet viele wertvolle Informationen, auch zu einem besseren Verständnis des großen unbekannten Landes hinter dem Ural. Aus dieser Vielzahl an Stimmen versuchen Alia Luque und ihr Team (Ausstattung Christoph Rufer, Dramaturgie Elisabeth Geyer) möglichst viele an diesem Abend erklingen zu lassen.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 3. Dezember 2016)

ORT & DAUER
HAUS ZWEI
Hofgasse 11, A - 8010 Graz
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Medien
Audioeinführung „Secondhand - Zeit“