27.04.2017
Spielplanpressekonferenz 2017.2018 am Schauspielhaus Graz

 

Am heutigen Donnerstag, 27. April, präsentierten die Geschäftsführende Intendantin des Schauspielhaus Graz, Iris Laufenberg, und ihr Team den Spielplan der Saison 2017.2018.

Waren es in den vergangenen Spielzeiten die unterschiedlichen Perspektiven auf Grenzen (15.16) sowie Tradition und Revolutionen (16.17), so ist 2017.2018 der thematische Schlusspunkt dieses Dreijahreszyklus mit insgesamt 67 großen und kleinen Produktionen erreicht, der schließlich bei der Frage nach dem Glauben ankommt: Woran glauben wir eigentlich? Wofür brauchen wir Religion und wofür benutzen wir sie? Kann uns der Glaube Sicherheit geben? Oder müssten wir mehr nach Wissen als nach Glauben streben?

Das Publikum erwarten insgesamt 22 Premieren, darunter vier Uraufführungen und drei Österreichische Erstaufführungen auf drei Bühnen und außerhalb des Schauspielhauses. Wiederaufnahmen, Gastspiele, die dritte Auflage des Dramatiker|innenfestivals, das von 6. bis 10.6.2018 unter dem Titel „Rede!“ stattfinden wird, sowie weitere Kooperationen mit dem Festival steirischer herbst, dem Theater im Bahnhof und dem Studiengang Schauspiel der Kunstuniversität Graz runden das Programm ab.

Der Spielplan 2017.2018 – Spielzeiteröffnung

Die Spielzeit beginnt mit Werner Schwabs „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm“ am 29.9.2017 in HAUS EINS. Das 1994 posthum uraufgeführte Stück bedient sich Goethes Faust-Motiven, doch in Schwabs sprachgewaltiger Paraphrase beklagt Faust nicht – wie bei Goethe – das Versagen allen Wissens, sondern gänzlich allen Sinns. Inszenieren wird Claudia Bauer, die dem Grazer Publikum bereits durch ihren „Volpone“ bekannt ist.

Ein weiterer Grazer Autor eröffnet HAUS ZWEI: Clemens J. Setz‘ erstes abendfüllendes Stück „Vereinte Nationen“ bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen elterlicher Manipulation und Fürsorge. Mathias Schönsee (u.a. „Johnny Breitwieser“) inszeniert das für den Mülheimer Dramatikerpreis 2017 nominierte Stück. (Österreichische Erstaufführung: 30.9.2017)

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Alte Meister der Sprache, die sich in ihren Werken mit der Frage nach dem Glauben auseinandersetzen und deren Romanfiguren und Schicksale pralles Leben für die Bühne versprechen, sind Joseph Roth und Thomas Mann. Die dem Grazer Publikum bereits bekannten Regisseure András Dömötör (zuletzt „der thermale widerstand“) und Alexander Eisenach („Frequenzen“ nach Clemens J. Setz) denken und entwickeln „Hiob“ (Premiere: 17.11.2017, HAUS EINS) und „Der Zauberberg“ (Premiere: 12.1.2018, HAUS EINS) weiter.

Die Britin Lily Sykes („Romeo und Julia“) hat für Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ Feuer gefangen (Premiere: 20.10.2017, HAUS EINS). Wie ist Nathans berühmte Ringparabel heute zu lesen? Wie können wir uns verständigen, wie gegenseitig verstehen?

Gott und die Götter

Große Texte verlangen große Ideen und so bringt das Ende der Spielzeit die Zuschauer*innen an den Anfang unserer Kultur. Regiemeister Volker Hesse („Geächtet“), der bekannt ist für seine Großprojekte, holt mit der Bibelbearbeitung „Das Alte Testament“ das monumentale Werk auf die Bühne von HAUS EINS, die dafür umgebaut wird und eine neue Perspektive auf die alten Texte ermöglicht. (Premiere: 12.5.2018). Das „Buch der Bücher“ wird er mit Schauspieler*innen und Laien umsetzen.

Direkt oder metaphorisch begegnen uns Gott und Götter auch in folgenden weiteren Stücken: In der Kooperation mit dem Festival steirischer herbst, „Bacchae – Prelude to a Purge“, schafft Choreografin Marlene Monteiro Freitas mit viel Humor eine performativ-tänzerische Klassikerbearbeitung von Euripides‘ antiker Tragödie „Die Bakchen“ (Aufführungen: 6. und 7.10.2017, HAUS EINS).

In „Bernarda Albas Haus“ schafft die Witwe Bernarda Alba aufgrund eines archaischen Trauerrituals ein faschistoides Frauenregime, in dem der tote Gott-Vater über das Leben ihrer Töchter und aller anderen Bewohnerinnen des Hauses bestimmt. Regisseur Stephan Rottkamp (u. a. „Der Sturm“) inszeniert Federico García Lorcas „Frauentragödie in spanischen Dörfern“ in HAUS EINS (Premiere: 2.2.2018).

Nestroypreisträger Nikolaus Habjan beschäftigt sich zusammen mit dem Wiener Autor Paulus Hochgatterer, der dem Puppenspieler und dessen Puppen ein Stück auf den Leib schneidern wird, mit einem berühmten Sohn der Stadt Graz: Karl Böhm. Das Stück um einen der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, der sich mit dem Nationalsozialismus gemein machte, wird von Habjan inszeniert und als Solo gespielt. „Böhm“, Uraufführung: 22.3.2018, HAUS EINS.

Weitere Premieren und Wiederaufnahmen in HAUS EINS

Jedem das Seine“ von Peter Turrini und Silke Hassler erzählt von der vereinigenden Kraft des Theaters in den finstersten Momenten der Geschichte und darüber, wie die Musik für einen Moment die Realität aufheben kann – Regisseur und Musiker Sandy Lopičić wird nach „Trümmerfrauen, Bombenstimmung“ und „Redaktionsschluss!“ seinen dritten Abend in HAUS EINS inszenieren (Premiere: 2.3.2018).

Schonungslos entblößte Molière schon in seinem 1664 uraufgeführten „Tartuffe“ religiöse Frömmelei und die Verblendung der bürgerlichen Gesellschaft; der Text liest sich noch heute als Kommentar auf die Richtungslosigkeit und Überforderungen des modernen Menschen. Inszenieren wird Markus Bothe („Struwwelpeter“ und „Cyrano de Bergerac“); Premiere: 7.12.2017 in HAUS EINS.

Die Wiederaufnahmen der Publikumserfolge „Der Talisman“ von Johann Nestroy, „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer und „Struwwelpeter“ nach McDermott, Crouch und Jacques runden den Spielplan von HAUS EINS ab.

HAUS ZWEI – im Zeichen der Gegenwartsdramatik

Der Spielplan von HAUS ZWEI präsentiert in diesem Jahr nach Clemens J. Setz‘ „Vereinten Nationen“ die Uraufführung eines neuen Werks von Autor Oliver Kluck, das den Titel „Antigone GmbH“ tragen wird. Premiere: 2.12.2017; Regie: Dominic Friedel (u. a. „Kasimir und Karoline“, „Du (Norma)“).

Darauf folgt im Jänner eine weitere Uraufführung: Nicoleta Esinencu wird das aktuelle Europa vermessen und zwei Stücke schreiben, die beide jeweils mit einem aus moldawischen und österreichischen Mitwirkenden gemischten Ensemble unabhängig voneinander produziert und aufgeführt werden; eines am Schauspielhaus Graz („Rest of Europe“ (Arbeitstitel)), das andere am Teatru-spălătorie in Chişinău. (Uraufführung im Jänner 2018, Regie: Nina Gühlstorff)

Claudia Bossard setzt „Bilder von uns“ von Thomas Melle als Österreichische Erstaufführung um: Das Stück, das mit dem anonym verschickten Bild eines nackten Jungen beginnt, handelt vom Umgang mit dem Thema Missbrauch in der Gesellschaft (Premiere: März 2018).

Der Diskurs um Religion, Vorurteile und Ideologie wird mit einem weiteren Stück des pakistanisch-stämmigen US-amerikanischen Autors Ayad Akhtar, dessen „Geächtet“ in der Spielzeit 2016.2017 berührt und gefordert hat, fortgesetzt. „The Who and the What“ (Regie: Jan Stephan Schmieding) ist ein Konversationsstück in bester Akhtar-Manier über Bruchlinien innerhalb einer muslimischen Familie im heutigen Amerika, die sich über das Bild des Propheten entzweit (Premiere: Mai 2018).

Und auch die Kooperation mit dem Theater im Bahnhof geht in der Saison 2017.2018 in die nächste Runde: Schauspielerin und Autorin Pia Hierzegger schreibt einem gemischten Ensemble aus TiB- und Schauspielhaus-Kolleg*innen „Polizei Graz. Eine All-Inclusive-Erfahrung“: Je mehr die Seelen dreier Paare, Kolleg*innen bei der Grazer Polizei, im gemeinsamen Urlaub zu baumeln beginnen, desto energischer klopft ein längst verdrängt geglaubtes Ereignis an. Inszenieren wird Monika Klengel; Uraufführung im April 2018.

Maxim Gorki fing in „Kinder der Sonne“ das Lebensgefühl einer satten bürgerlichen Schicht ein, die über das Erdenken einer besseren Welt verpasst, was wirklich in der Gesellschaft vorgeht. Gorkis Stück wird mit Studierenden des Studiengangs Schauspiel der Kunstuniversität Graz entstehen; Regie führt Pedro Martins Beja (Premiere: 5.10.2017).

HAUS DREI – persönliche Experimentierbühne

Weiterhin soll auf der dritten Bühne des Schauspielhauses ein kleines Repertoire gepflegt werden: Franz-Xaver Mayr wird „Am Boden“ von George Brant, einen poetischen Monolog über die inneren Widersprüche einer Frau, die als amerikanische Kriegspilotin zwischen militärischem Eifer und familiärer Fürsorge steht, als seine erste Arbeit am Schauspielhaus inszenieren (Österreichische Erstaufführung: November 2017).

Elena Bakirova (zuletzt „Einfach kompliziert“) inszeniert „Welche Droge passt zu mir?“ von Kai Hensel: Ensemblemitglied Henriette Blumenau schlüpft in die Rolle einer jungen Mutter, Hausfrau und selbstbewussten Drogenkonsumentin. Doch trotz ihrer Versuche, mit ihrem Vortrag die guten Seiten des Drogenkonsums aufzuzeigen, blickt man zunehmend hinter die bröckelnde Fassade. (Premiere: Frühjahr 2018)

Die Erschließung neuer Räume – Stadtprojekte, Theaterfest und darüber hinaus

Nach erfolgreichen Produktionen wie „Judas“, der in 25 steirischen Kirchen zu sehen war und auch in der kommenden Saison weitergeführt wird und „Cyrano de Bergerac“ auf der Schloßbergbühne Kasematten, führt auch die kommende Saison wieder in neue Räume: Der dritte Teil von Regisseur Clemens Bechtels Menschenrechtsprojekt „Graz und die Menschenrechte“ begibt sich (nach Stationen im Oberlandesgericht 2016 und im Schaumbad 2017) im Mai 2018 an einen neuen Ort; Themen der Recherche sind „Glauben(s)-Kriege / -bekenntnisse“. Und auch das von Regisseur Philipp J. Ehmann entwickelte Revolutionsspiel „Press Staat for Revolution“ (2016) findet unter dem Titel „Libertalia 2.0 – Was nach der Revolution geschah“ eine Fortsetzung als Stadtprojekt im Frühjahr 2018.

Der Spielzeitauftakt wird am letzten September-Wochenende mit den Eröffnungspremieren in HAUS EINS, HAUS ZWEI und dem rätselhaften Stück „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ von Nassim Soleimanpour begangen. Außerdem mit einem Tag der offenen Tür, einem Stückeparcours, einem Konzert von „Der Nino aus Wien“ und der BIG PARTY auf der Bühne von HAUS EINS am 30. September 2017. „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ ist eine humorvolle und poetisch-politische Kombination von Theaterunterhaltung und sozialem Experiment. Jede Vorstellung wird mit einem/r Schauspieler/in als Überraschungsgast, der/die das Stück prima vista lesen muss und nichts darüber wissen darf, ebenfalls eine Premiere sein.

Weitere Neuigkeiten – Theaterpädagogik, Ensemble, Abosystem

Die 1991 in Aachen geborene Maximiliane Haß kommt mit der Spielzeit 2017.2018 neu ins Ensemble des Schauspielhaus Graz. In Graz gibt sie ihr Debüt als „Recha“ in „Nathan der Weise“.

Unter dem Label „Schauspielhaus aktiv“ findet sich eine Fülle von Angeboten für alle, die sich nach, vor oder auch ohne einen Vorstellungsbesuch weiterführend mit Themen und Stoffen unseres Spielplans beschäftigen möchten. Mit Anfang September 2017 werden zwei weitere Stellen in der Theaterpädagogik des Schauspielhauses besetzt sein. So kann das umfangreiche Programm noch ausgeweitet und zusätzliche Formate geschaffen werden.

Das Abonnementsystem des Schauspielhauses bleibt im Bereich der Fixplatzabonnements, die den Abonnent*innen die meisten Vorteile bieten, in derselben Weise bestehen wie bisher; eine Änderung und Vereinheitlichung des Scheckabonnement-Systems hingegen soll vor allem jenen Besucher*innen entgegenkommen, die Flexibilität schätzen und 20% ermäßigte Theaterfreude in Serie genießen möchten: Zusammengefasst werden die Scheckabos neu unter dem Begriff der 10er-Blöcke, die es in unterschiedlichen Varianten gibt.

Neu ist darüber hinaus das Angebot eines „Supertages“, an dem etwa monatlich eine Vorstellung in HAUS EINS mit 30 % Ermäßigung besucht werden kann.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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Spielzeitbuch Schauspielhaus 2017.2018